Hast du auch manchmal das Gefühl, dass dir etwas fehlt? Oder jemand? Dass etwas aus deinem Leben gegangen ist, nur Fußspuren in deinem Herzen hinterlassen hat, Spuren, die nie vom Sand der Zeit verdeckt werden würden?
Jemand, der zwar ein Teil von dir war aber nie wirklich zu dir gehört hat; und doch bist du jeden Morgen wegen diesem Menschen aufgestanden, denn die Realität war schöner als jeder Traum es je hätte sein können.
Jemand, der immer für dich da war, wenn du dachtest allein zu sein, der dir sein Wort gab, dich nie zu verlassen, das Band der Freundschaft ewig weiter flechtend.
Ich erinnere mich noch genau, ganz genau an den Abend, als ich diese Person verlor, meine Welt sich aufhörte zu drehen, mein Leben vor meinen Augen in winzige Bruchstücke zerbarst.
Es war ein Abend wie jeder andere. Ich saß am Fensterbrett, den Mond und die Sterne am Firmament beobachtend, für die Ewigkeit geschaffen. Doch ich wusste, dass es nicht stimmte, nichts war für die Ewigkeit, nicht einmal sie.
Die Ewigkeit ist eine Illusion. Eine Illusion, der wir uns nur allzu gern hingeben aus Angst, dass die Gegenwart bald nicht mehr sein könnte.
Und zu Recht, denn Zeiten ändern sich, kein Tag gleicht dem anderen, auch wenn wir das im öden Alltag vielleicht denken.
Denn mit der Zeit, sturen Zahlenkombinationen nach festem System auf Papier gebracht, ändern sich auch die Menschen.
Menschen, die wir lieben, die uns wichtig sind, doch auch die schönste Illusion kann die Wahrheit irgendwann nicht mehr verschleiern. Manchmal verblasst sie langsam, schmerzlich.
Und manch anderes Mal wird sie wie eine zerbrechliche Kristallkugel fallen gelassen, doch derjenige, der sie fangen sollte, steht nur stumm neben dir, denn er ist der Grund dafür, dass deine Welt zerbricht.
Nein, Menschen funktionieren nach keinem System, sie handeln, unberechenbar und oft genug auch unbedacht, nicht an die Konsequenzen ihrer Taten denkend… oder auch die Konsequenzen dessen, was sie nicht tun.
Irgendwann begann es zu regnen, nur vereinzelte Tropfen, Tränen gleichend, monoton an meine Fensterscheibe klopfend, daran herablaufend, sich langsam und bedächtig ihren Weg bahnend.
Ich hatte es vermisst, das Klopfen. Das Klopfen an meine Tür. Von Woche zu Woche wartete ich länger darauf, bis es endgültig verstummte.
Ich musste an die letzten Stunden und Tage, Wochen und Monate denken und stellte mit bedauern fest, dass ich nicht geweint hatte, dass ich dir aus einem mir unverständlichen Grund keine Träne gewidmet hatte.
Wie kann das sein? Jemand, der in dein Leben tritt, engelsgleich, ihm einen neuen Sinn gibt und schließlich wieder verschwindet und du weinst nicht?
Aber das Lächeln meines Gesichts ist nicht das Lächeln meiner Seele.
Wieso müssen wir Fehler machen, die so sehr wehtun, um dann zu erkennen, was richtig und was falsch ist?
Doch… ich hatte geweint, schmerzliche, stumme Tränen, denn die einzige, die diesen Schmerz hätte lindern können, warst du, die einzige, der ich vertraut hatte.
Doch du bist nicht mehr, verblasst in dieser trostlosen grauen Welt. Es ist bitter einen Menschen an das Leben zu verlieren, noch bitterer, als an den Tod. Denn er ist unausweichlich, endgültig.
Ich hoffe, dass du diesen Brief erhältst.
Ich will nicht, dass du mich an das Leben verlierst, so wie ich dich verlor. Niemand kann deinen Platz einnehmen, niemand wird es je tun können. Ich ließ mir von dir den Hals verdrehen und du brachst mir das Genick, ich werde es zu Ende bringen so wie du es begonnen hast. Welchen Sinn hat das Leben, wenn die Liebe einen verlässt, einen in der Kälte allein lässt? Keinen, keinen für mich und so stehe ich jetzt hier, wie am Anfang. Dort wo ich dich traf, meinen Engel.
Ich stehe an der Klippe und diesmal rettet mich niemand mehr.