“Ich suche jemanden, der mir etwas über den Wald erzählen kann.“
Der Wirt hörte Malcom nicht. Die Gespräche in dem Pub waren zu laut und seine Stimme durchdrang das Gewirr aus zusammenstossenden Gläsern und lautem Gelächter bei weitem nicht. Malcom versuchte es noch einmal: “Kann mir hier jemand etwas über den Wald erzählen?“ Diesmal schrie er fast. Der Wirt deutete nur auf einen alten Mann. Er saß in der hintersten ecke. Sein Gesicht spiegelte die Trauer, den Schmerz und die Entbehrungen eines langen lebens wieder. Doch noch etwas anderes war an dieser gramgebeugten Gestalt zu erkennen. Ein finsteres Geheimnis, welches wohl so dunkel war wie die Stelle an die sich der Alte zurückgezogen hatte.
Malcom aber sah in ihm nur einen Iren, der ihm viel von seinem Wissen überlassen würde.
Er ging zu ihm und stellte sich vor:
“Hallo, mein Name ist Douglas. Malcom Douglas. Der Wirt sagte mir, sie wüssten etwas über den Wald in dieser Gegend.“ Diesmal brauchte er nicht zu schreien. So dunkel diese Ecke war, so still war sie auch. Nur eine Kerze erleuchtete die Szene.
Der Mann zuckte zusammen. Fast unmerklich und doch deutlich spürbar. Ein Schatten huschte über sein Gesicht, dann began er zu sprechen. Seine Stimme war die eines Greises und doch erstaunlich stark und fest. “Setzen sie sich, junger Mann. Der Wirt hat sie nicht belogen. Ich weiß mehr über den Wald und das was darin haust als ihnen lieb sein Wirt. Überlegen sie gut, bevor sie mich darum bitten ihnen die Geschichte zu erzählen. Die bösen Geister könnten erneut herauf beschworen werden!“ Den letzten Satz flüsterte er fast.
Malcom aber war der typische Reporter. Er kam aus einer Großstadt und nur die Tatsache, dass er nebenbei ein wenig Urlaub machen wollte brachte ihn in dieses kleine irische Kaff. Er glaubte nicht an Geister oder andere Geschöpfe der Unterwelt. Das einzige was ihn interessierte war seine Storie. In den letzten 50 Jahren waren hier immer wieder junge Männer verschwunden und die letzte Spur führte bei allen in den Wald.
Und so begann der alte Mann nach Malcoms Bitte zu erzählen.
Es war vor ungefähr 30 Jahren. Damals war auch ich noch jung. Ich führte ein glückliches Leben. Noch wohnte ich bei meinen Eltern und ich genoss ihre Fürsorge. Oft half ich auf dem Hof und traf mich abends mit meinen Freunden. Natürlich hatte ich davon gehört, dass der Wald ein Geheimnis in sich trage, doch ich glaubte wie die meisten nicht daran. Bis eines Tages!
Einer meiner Freunde war von der Jagd nicht zurück gekommen. Die Suchaktion ging eine Woche. Sie blieb natürlich erfolglos. Ein Jahr später traf es wieder einen aus meinem Kreis. Auch er wurde nie gefunden, doch einige der Männer die bei der suche halfen, berichteten von einer Frauenstimme, die sie permanent gerufen hätte. Sie sagten, so etwas reines und glockenhelles hätten sie noch nie vernommen. Nur der Ruf des Leitenden Polizisten brachte sie wieder zur Vernunft.
Noch ein Jahr sollte vergehen. Damals hatte ich, wie scheinbar auch alle anderen, die Geschehnisse der letzten Jahre wieder völlig vergessen. Es war fast so als herrsche ein kollektives Verdrängen der Erinnerung. Das Leben war wieder normal und so begab ich mich eines Nachts auf die Jagd. Ich war bereits ein paar Stunden unterwegs, als auch ich es hörte. Sie rief mich und ich folgte. Plötzlich befand ich mich an einer wunderschönen Waldlichtung. Ein See befand sich in der Mitte und der Vollmond sowie die Sterne spiegelten sich in ihm. Um die Bäume tanzten Lichter und in der Mitte des See´s befand sich eine kleine Insel mit dem schönsten Baum den ich jemals gesehen hatte. Ein unnatürlicher Friede umgab mich als ich sie sah. Sie war die schönste Frau die ich je erblickt hatte. Ihre Augen strahlten wie die Sterne in dem See. Ihre Haut schien so rein und ihr Lächeln durchdrang mich wie der Feil Amors. Sie rief weiter nach mir und ich konnte nicht anders als ihr zu folgen. Ich ging immer näher ungeachtet des kalten Wassers. Keinen Gedanken verschwendete ich an seine Tiefe. Ich sah nur sie. Ich hörte nur sie. Und auch sie kam näher. Schließlich berührte sie mein Gesicht. Es war ein so sanftes und reines Gefühl, dass mir Tränen in die Augen drangen. Ich spürte wie ich innerlich immer ruhiger wurde. Nichts berührte mich mehr, ausser sie. Dann, endlich küsste sie mich. Auf einmal wurde es kalt. Mein innerer Friede zerbrach und ich fühlte blankes Grauen. Ich riss meine Augen auf und was ich sah, war nicht mehr das Gesicht der schönsten Frau auf erden sondern das erschreckendste Ding was man sich vorstellen kann. Ihre Augen waren pechschwarze Höhlen und in ihrem innern konnte ich ein Feuer brennen sehe, so heiss und unmenschlich. Ihre Lippen waren Eis und ihre Haut war fahl wie die eines Toten. Ich versuchte mich loszureizen, doch ihre klauenförmigen Hände hielten mich fest und ihre spitzen Nägel durchdrangen mein Fleisch. Ihr Mund war gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen und sie war im begriff mich zu beißen. Ich schloss meine Augen und als ich dachte ich wäre schon verloren, spürte ich eine Hand auf meiner Schulter und der Schrei der in mir fest saß entsprang mir nun mit so gewaltiger Kraft, dass es mir in der Kehle weh tat. Ich öffnete meine Augen wieder. Die Kreatur war weg und ich sah wo ich mich befand. Der See ist zu einem Sumpf geworden. Die lichter waren nun herumfliegende Insekten. Die Bäume waren knorrend und fast ausgedrocknet und ich spürte wie ich immer mehr versank. Von weit her scheinbar, drang eine Stimme zu mir und irgendwas zog mich aus dem moorast. Die Stimme wurde deutlicher und durch meine schreckverzehrten Augen konnte ich meinen Vater erkennen. Er fragte mich, wie ich hier herein geraten konnte. Das sprechen fiel mir noch immer schwer und so antworte ich nur mit einem Schulterzucken. Irgendwann, Wochen später, wollte ich wissen wie er mich fand und er sagte, er hätte die Stimme einer Frau gehört.
Malcom sah den alten verstört an. Seine Erzählung hatte ihn berührt und so sagte er: “Das ist eine der besten Horrorstories die ich seit langem gehört habe. Sie sollten sie aufschreiben. Vielleicht werden sie noch berühmt.“ Inzwischen war auch sein Lächeln zurück gekehrt. Natürlich glaubte er nicht ein Wort von der Geschichte und so verabschiedete er sich höflich. Als er im Begriff war zu gehen packte ihn der Mann mit einer Kraft die Malcom nie vermutet hätte. Der Alte sah ihm tief in die Augen, doch da waren keine Augen mehr sonder nur zwei dunkle Höhlen und in ihnen brannte ein Feuer, heiss und unmenschlich. Malcom erstarrte vor Schreck. Ein stummer Schrei entdrang ihm. Mit letzter Kraft versuchte er sich zu beherrschen und tatsächlich gelang es ihm sich loszureißen. Er rannte aus dem Pub, die Strasse entlang, einfach nur weg. Er rannte so schnell er konnte und schließlich in den Wald hinein.
Dort blieb er stehen bis er auf einmal die Stimme einer Frau vernahm.
Und er folgte ihr!