Müde blieb sie stehen, schloss die Augen, öffnete sie wieder und sah sich nach dem großen Uhrturm um, an dem sie sich immer orientierte. Er stand im Herzen der Stadt, und war das Zentrum. Es war ein altes, uraltes Gemäu-er, das schon seit hunderten Jahren dort stand. An dem gewaltigen Ziffernblatt sah Dolores, dass es schon neun Uhr abends war. Auf dem eigenartigen, balkonartigen Vorbau prangte ein gewaltiger steinerner Drache, der auf die Stadt hinunter sah, und alles, seit undenklichen Zeiten, beobachtete. Sein Maul war weit geöffnet, und Dolo-res schien es, als würde er auf sie herabsehen, mit den dunklen Augen. Egal wo sie war, er schien zu ihr zu sehen. Sie zubeobachten, und auch über sie zu wachen. Sein Blick war ihr Beruhigung und Schutz.
Dolores war weit gegangen. Nach der letzten Vorlesung in der Universität war sie kurz nach Hause gegangen, um ihre Taschen abzulegen, und war dann wieder verschwunden. Jetzt war es Abend und Dolores wollte eigent-lich nur nach Hause und schlafen. Der Tag war anstrengend gewesen.
Erst nach einigen Minuten fand sie einen U-Bahn Abgang, aber die letzte Bahn war natürlich schon abgefahren.
Leise fluchte sie vor sich hin. Es blieb ihr also nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Weit und breit war kein Taxi zusehen, und außerdem hatte sie kein Geld.
Die Straßen leerten sich, die Leute waren, wenn es dunkel war, ungern in den Straßen der alten Stadt. Angeblich war sie von Geistern bevölkert, außerdem kam nachts der Abschaum aus den Slums in die reichen Viertel. Schat-ten huschten durchs Dunkel der Nacht, so sagte man jedenfalls. Dolores war nicht abergläubisch, aber die alten Geschichten machten selbst ihr Angst.
Dolores hörte Schritte hinter sich, die sich schnell näherten. Ein Mann rannte an ihr vorbei, er trug dunkle Klei-dung, einen schwarzen Mantel, und schwarze Stiefel. Abrupt blieb er stehen und wandte sich um.
Er ging auf Dolores zu, diese bekam Angst und wich einige Schritte zurück.
"Vor mit brauchst du dich nicht zu fürchten."
"Wer sagt, dass ich das tue?"
"Niemand, du siehst nur etwas ängstlich aus."
"Tue ich das."
"Du bist Dolores, nicht?"
Dolores nickte, sie erinnerte sich an den Mann, er ging an ihre Schule,
manchmal jedenfalls, er leitete einen Kunstkurs, und war manchmal an der
Universität.
"Du bist manchmal an der Uni."
Er nickte.
"Woher kennst du mich?" erkundigte Dolores sich.
"Ich kenne jeden, ich bin ..." er brach ab.
"Ja, du bist ..."
"Vergiß es. Komm zu mir, wenn du Zeit hast."
Er rannte weiter, wie wild im Zick Zack.
"Warte, wo lebst du?"
Er drehte sich im Laufen um.
"Du wirst mich schon finden, wenn du es willst."
Dolores sah dem Wahnsinnigen nach, denn ganz dicht war dieser sicher nicht.
Wenig später erreichte sie die kleine Wohnung. Erst nach einigen Sekunden
fand sie den Schlüssel. Doch das Schloss ließ sich nicht öffnen.
Die Nachbartür öffnete sich, und die Nachbarin trat auf den dunklen Gang.
"Dolores, gut, dass du kommst."
"Was ist denn?" fragte diese alarmiert.
"Dein Vater ist im Gefängnis."
Dolores stöhnte auf.
"Nicht schon wieder! Was hat er diesmal getan, und was wird es uns kosten?"
"Er hat sein Auto zu Schrott gefahren, und zwei andere auch noch, weil er
total betrunken war."
Dolores schloß die Augen, das bedeutete, dass sie nicht in die Wohnung
konnte.
"Großartig! Besser geht's ja nicht mehr! Dann soll er die Nacht im Knast
verbringen, ich hole ihn nicht raus! Ich hab es satt, immer seinen Scheiß
ausbaden zu müssen. Genug ist genug!"
"Aber, wo willst du schlafen?"
Dolores wandte sich ab und ging, auf die Frage der Nachbarin zuckte sie nur
die Schultern.
Kopfschüttelnd sah ihr die Frau nach.
Wieder stand sie in den kalten Straßen. Der Uhrturm war nur wenige Minuten
entfernt, die kleine Wohnung lag in einem Mietshaus, direkt im Zentrum.
"Gut, was bleibt mir also anderes übrig. Ich glaube, ich weiß schon, wo ich
hin muss." sagte sie leise.
"Ich gehe und besuche einen Drachen!" Flüsterte sie zu sich.
Schnell machte sie sich auf den Weg, Wind war aufgekommen und es war
verdammt kalt.
Bald hatte sie das alte Gemäuer erreicht. Dunkel und kalt stand der Turm vor
ihr.
Dolores atmete tief ein und öffnete das Tor. Eine Stimme ertönte.
"Du bist also gekommen." Stellte er sachlich fest und trat aus dem Schatten
des Tors hervor, die Arme lässig vor der Brust verschränkt.
Dolores zuckte zusammen.
"Tu das nie wieder!"
"Sei nicht böse, komm mit."
Dolores folgte dem Mann, der nicht mehr als ein Schatten war, eine lange
Treppe nach oben, schließlich erreich-ten sie eine Tür, hinter der sich ein
großer Raum verbarg.
Der Raum war gemütlich eingerichtet.
"Wer bist du?"
"Manche nennen mich einen Wahnsinnigen, zu denen du auch gehörst, andere
sagen einfach nur Knox zu mir."
"Ich verstehe, und was tust du hier oben?"
"Ich bin der Geist der Stadt."
"Der was?"
"Der Geist der Stadt. Ich bin der Wind, der gegen deine Scheibe weht, der
Regen, der nachts an deine Scheibe klopft, das Mondlicht, das nachts dein
Zimmer erhellt."
"Bist du auch der saure Regen, der meine Scheibe zerfrißt?" fragte sie
sarkastisch.
Er lächelte.
"Ja, wenn du es so willst, ich bin auch das."
Dolores war verwirrt. Der Raum war warm, in einem Kamin brannte ein helles
Feuer, Regale mit Büchern standen an den Wänden und Dolores konnte das
Ziffernblatt sehen. Der Raum lag direkt dahinter. Knox ließ sie sich in Ruhe
umsehen, zögernd streifte sie durch den Raum, strich mit den Fingern über die
ledernen Einbände der Bücher. Ihre Verwirrung wuchs.
"Gibt es mehr, wie dich?"
Er sah sie ernst an.
"Natürlich, und einmal im Jahr treffen wir uns und feiern eine große
Party."
"Das ist unfair!"
"Stimmt, aber es macht Spaß."
Dolores wandte sich zu ihm um.
"Warum hast du mich geholt?" fragte sie, und merkte zum erstem Mal, dass
sie beim Sprechen nicht die Lippen bewegte.
Er ahnte ihren Gedanken.
"Brauchst du Worte, um mit Gott zu reden?"
"DU bist Gott?"
"Nein, auf keinen Fall. Aber ich bin ein ähnliches Wesen. Ich habe dich
geholt, wie ich jeden einmal hole. Wer will, kann bleiben, doch die meisten
gehen wieder."
"Werde ich bleiben?"
"Das entscheidest du. Nicht ich."
Dolores sah sich nochmals um und entdeckte etwas, was ihr zuvor nicht
aufgefallen war.. Eine kleine Tür unter-halb des Ziffernblattes führte auf den
Drachenkopf hinaus.
Knox nahm sie an der Hand.
"Komm mit. Ich zeige dir etwas."
"Da hinaus? Hast du eine Ahnung, wie kalt es ist, außerdem ist hier oben
der Sturm noch schlimmer!"
"Vertrau mir, es wird dir nichts geschehen."
Dolores folgte ihm, er öffnete die Tür. Wind schlug ihnen entgegen. Vor
Dolores lag der Drache, in seiner ganzen Größe. Der Drache, mit seinen dunklen
ruhigen Augen, die immer nur sie ansahen.
"Was willst du tun?" fragte Dolores vorsichtig.
"Wir werden fliegen." Versprach er.
Mit diesen Worten nahm er Anlauf und sprang in die Tiefe. Doch seine Worte
hörte sie in ihrem Geist noch immer.
"Was soll ich tun?" fragte sie ihn, in der Sprache ohne Worte.
"Spring! Wenn du bleiben willst, wirst du fliegen, wenn nicht, wirst du in
deinem Zimmer sein, und du wirst dich an nichts erinnern." Erklärte er.
Dolores bekam Angst, dass sie das alles nur träumte, oder, dass sie
wahnsinnig wurde. Wahrscheinlich war sie ganz allein hier oben und würde sich in den
Tod stürzen. Sie hatte Angst, dass sie sterben könnte, aber aus einem
seltsamen Grund vertraute sie Knox, warum, konnte sie selbst nicht sagen. Es war
seltsam, aber sie wuß-te, dass er die Wahrheit sprach, ja, dass ihm eine echte
Lüge sogar fremd war. Wieder hörte sie seine Worte:
"Spring! Wenn du bleiben willst, wirst du fliegen!"
Dolores nickte, nahm Anlauf und sprang.
Der Wind schlug ihr entgegen, doch sie ließ sich fallen. Er riß an ihren
Haaren, zerrte an ihren Gewändern und verwandelte sie. Sie trug ein langes
Kleid, einen Mantel und hohe Stiefel. Ihr Haar wurde länger und flatterte um sie
herum. Ihre Augen tränten wegen dem Wind und irgendwie war ihr kalt.
"Spring, wenn du bleiben willst, wirst du fliegen!"
Und diesmal, mit wirklichen Worten, rief sie:
"Ja, ich bleibe!" Ihr Ruf hallte durch die Nacht.
Sie wurde zu einem Geist der Stadt und flog.