Die unmögliche Katze

Der vorige Sommer fiel in eine der schwierigsten Phasen meines Lebens. Die Katze, die wir uns im Juli aus dem Tierheim holten, war ebenfalls schwierig.
Sicher hatte sie es bei ihrer Vorbesitzerin nicht gut gehabt, denn sie reagierte schreckhaft und ließ sich kaum anfassen. Man übergab sie uns widerwillig mit dem Kommentar: „Kein Schmusetier; hat wahrscheinlich einen Klatsch!“
Da ich auch einen „Klatsch“ habe, passe ich sehr gut zu dieser Katze. Oder sie zu mir.
Katzen sind sehr anschmiegsame Tiere und wer, wie ich, viel allein ist, sehnt sich danach, Streicheleinheiten zu geben und zu bekommen. Wonach ich mich ganz bestimmt nicht gesehnt habe, sind altkluge, doch leider zutreffende Kommentare von jemandem, den man als Ratgeber gar nicht für voll nimmt. Mit zwei Jahren ist auch eine Katze fast noch ein Teenager. Ich weiß: Immer diese Anglizismen! Aber bezeichnen Sie mal eine Katze als Backfisch! Klingt doch komisch, nicht wahr?

Als es anfing, dachte ich zuerst: „Jetzt hat der Alkohol deine Birne gänzlich aufgeweicht! Andere Leute sehen weiße Mäuse, nur du musst mal wieder gegen die Norm verstoßen.“
Versunken in Selbstmitleid hockte ich in meinem geliebten, zerflederten Ohrensessel, als eine ziemlich schnippische Stimme „Heulsuse“ sagte. Ich dachte zuerst, meine Tochter wäre im Wohnzimmer, doch die pubertierte gerade wie üblich still in ihrem eigenen Zimmer vor sich hin.
Irritiert sah ich mich um und dachte, wie gesagt, an Birne in Alkohol, doch die Stimme – weiblich und etwas heiser, erklang genau in meinem Kopf: „Mensch, du bist schon seit einem halben Jahr trocken.“
Meine Katze, die bisher lässig auf der Sofalehne gelegen und mich aus halbgeschlossenen Augen fixiert hatte, erhob sich mit raubtierhafter Eleganz, buckelte, streckte erst die Vorder-, dann die Hinterbeine und gähnte. Fasziniert betrachtete ich die vier weißen, trotz ihrer Zierlichkeit gefährlich wirkenden Fangzähne. In meinem Kopf tat sich eine Art schwarzes Loch auf. Totale Gedankenleere. Die Katze konnte das nicht gesagt haben! Unmöglich! Katzen können schon aus anatomischen Gründen nicht sprechen.
„Ich habe das Maul ja gar nicht benutzt, sondern das Gehirn. Wäre schön, wenn du endlich auch mal damit anfangen würdest.“
Verdattert fragte ich halblaut: „Wieso?“
Statt einer Antwort sprang Mieze vom Sofa und trabte in Richtung Küche davon. Mir fiel auf, dass sie dabei auf sehr weiblich Art mit dem Hintern wackelte. Der grauschwarze Ringelschwanz ragte wie ein Spazierstock in die Höhe.
Noch immer geschockt, stemmte ich mich aus dem Sessel hoch und folgte der Katze. Sie stand gerade vor ihrem Fressnapf und nahm ein paar Häppchen zu sich. Ich hatte noch nie erlebt, dass sie ihr Futter auf einmal wegputzte. Und sie ließ auch fast immer Reste übrig. Doch in den ersten Wochen nach dem Tierheim war ich schon froh gewesen, wenn sie überhaupt etwas annahm. Drei Wochen lang hatte sie jedes Dosenfutter verweigert und nur ganz wenig Trockenfutter und Wasser zu sich genommen. Als sie schon sichtbar abgemagert war, probierte ich es mit „Felix“. Das fraß sie endlich.
Wie gewohnt, fielen Mieze beim Fressen rechts und links die Bröckchen aus dem Maul und verzierten im Umkreis eines halben Meters um den Napf das helle Linoleum. Mieze ist meine vierte Katze, aber die einzige, die es nicht fertig bringt, zu fressen ohne zu schweinern.
„Altes Sauferkel!“ schimpfte ich gewohnheitsmäßig und machte mich daran, den Dreck wegzuputzen. Das Sauferkel warf mir nur einen ausgesprochen finsteren Blick zu und trabte zurück ins Wohnzimmer.
Am Fußboden zu hocken tut mir nicht mehr allzu gut. Immerhin bin ich seit ein paar Monaten Großmutter und da vertrocknet allmählich die Gelenkschmiere.
Ich stöhnte und brabbelte noch, als ich mich wieder in meine Sesselburg zurückzog. Die Katze saß zur Abwechslung in einem offenen Fach der Schrankwand auf einem Stapel Schallplatten. Ich hatte es längst aufgegeben, sie von dort zu verjagen, denn dann verzog sie sich jedes Mal hinter den Fernseher – und das sah ich noch viel weniger gern. Schließlich zahlen wir das Gerät noch ab.
Das boshafte Vieh musste meine Gedanken bezüglich des Fernsehers mitbekommen haben, denn in meinem Kopf erklang der spöttische Kommentar: „Was sollte ich wohl dem Kasten schaden? Ich bin schließlich nicht dieses fette schwarze Karnickel, das mit Vorliebe Kabelsalat anknabbert.“
Diesmal hatte ich mich schon so weit gefasst, dass ich konterte: „Eine Katze, die sprechen kann, ist auch fähig, einen Fernseher zu demolieren!“
„Das, meine Liebe, unterscheidet mich von hirnlosen Menschen und Karnickeln: Ich demoliere nichts.“
„Von wegen! Jeden Blumenstrauß frisst du an. Jede Grünpflanze, die nicht nach einem Kaktus aussieht, musst du annagen. Apropos Kaktus: Wer hat denn meinen Borzicactus ventimigliae heruntergeworfen, so dass einige der Stacheln abgebrochen sind?!!
„Dein ekelhaftes Borizidingsda hat mich in den Bauch gestochen. Da habe ich ihm eins verpasst. Reine Notwehr!“
„Haha! Notwehr! Als ob der Kaktus von sich aus zustechen würde! Du wolltest wieder an irgendeiner Pflanze naschen – gib es doch zu!“ Ich triumphierte. Endlich hatte ich dieses renitente, gegen alle Regeln der Natur sprechende Katzenvieh in die Enge getrieben. Wo gab es denn so was, dass man sich als Tierhalter vom eigenen Haustier beklugscheißern lassen musste!
„Hast du schon mal daran gedacht, mir ein Schälchen mit Katzengras hinzustellen?“ kam es in süffisantem Ton zurück.
Peng! Das saß! Ich stotterte leicht angeschlagen: „Da...dann kotzt du mir bloß alles voll.“
„Na und? Eine grasfressende Katze wird nun mal gesetzmäßig zur Kotze. Hättste dir doch einen Hamster besorgt, der kotzt nie.“
Ich hatte schon den Hausschuh in der Hand, doch mach mal was gegen eine Katze. Erstens ist sie schneller weg, als du werfen kannst, und zweitens hat sie eh immer das letzte Wort.

 

 

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