Tod

Es war dunkel. Seine Schritte hallten durch die Gassen. Zu dieser Zeit war die Stadt wie ausgestorben. Jedes mal, wenn er so durch die Strassen ging, überkam ihn ein Schauer.
Was natürlich vollkommen unbegründet war. Schließlich gab es da ja nichts zu fürchten.
Aber die Angst des Menschen vor der einsamen Stille der Nacht ist schon so alt wie die Welt.
Sein Weg würde wie immer am alten Friedhof vorbeiführen. Auch diesen Umstand machte er für seine gedrückte Stimmung verantwortlich. Wieder so eine uralte Furcht des Menschen, dachte er. Diese urtümlichste Art von Furcht, die sich aus der Angst vor dem Tod herleitet, findet man bei jedem atmenden Wesen, spann er den Gedanken weiter.
Er hatte den Friedhof erreicht. Dunkel drohend ragten die Grabsteine in den finsteren Himmel. Doch das unheimlichste war stets das Portal zur alten Gruft.
Niemand wusste mehr, wem diese Grabstätte einst errichtet wurde. Die Inschriften auf den Tafeln waren lang schon verwittert. Einige behaupten sogar, sie wurde mutwillig entfernt.
Die üblichen Spukgeschichten, die sich überall an solchen Orten finden lassen. Darauf würde er jedenfalls nichts geben. Das hatte er noch nie und so wird es immer sein.
Oh ja, es gibt sie: die Gespenstersichtungen, Gestalten die bei Nacht und Nebel über den Anger schwebten, Klagelaute, welche einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnten.
Und dann der Mord an einem Obdachlosen letzten Monat. Gefunden erdrosselt direkt neben der alten Gruft. Sofort gab es die wildesten Gerüchte.
Dabei ist es ja kein Geheimnis, dass die Obdachlosen der Stadt in den Sommermonaten auf dem Friedhof zu schlafen pflegen.
Es wird einen Streit gegeben haben und dann ist es geschehen.
Ganz einfach. Keine Dämonen, Geister oder andere Spukgestalten. Doch der Geist des Menschen liebt es wohl, solch seltsame Szenarien zu entwerfen, die blanke Angst zu spüren.
Er musste unweigerlich lächeln.
Fast hatte er den Anger hinter sich gelassen. Noch zwei Straßen weiter und er wäre daheim.
In Sicherheit, ging es ihm durch den Kopf.
Unfug, schalt er sich selbst. Auch hier war er sicher. Was sollte denn schon passieren?
Plötzlich hielt er inne. War da nicht eben was? Rasch drehte er sich um. Er ließ den Blick flink über den Anger schweifen. Doch da war nichts. Nichts.
Dabei hätte er schwören können...
"Ach, die Müdigkeit spielt dir einen Streich. Du bist doch ein Dummkopf." sprach er zu sich selbst. Diese Worte beruhigten ihn ein wenig. Er schritt weiter die Friedhofsmauer entlang. Dahinten war bereits die Kreuzung zu sehen, das Ende des Friedhofgeländes.
Er begann zu lachen. Welch absonderlich Ding ist doch des Menschen Verstand, dachte er.
Da war sie, die Kreuzung. Jetzt noch fünf Minuten des Weges, dann würde er in seiner Wohnung stehen und über seine albernen Ängste lachen.
Da war wieder dieses Geräusch. Wieder ein Blick. Nichts.
Oder...
Huschte dort nicht eben ein Schatten zwischen den Gräbern dahin?
Es muss Einbildung gewesen sein.
Ein Schrei durchdrang die Nacht, schrill und durchdringend. Eine Frau?
Aber das war doch unmöglich!
Um diese Zeit ist auf dem Friedhof doch niemand...
Ein weiterer Schrei riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Schrei, dann ein röcheln und gurgeln. Es kam von der Gruft.
Das war keine Einbildung, das geschah wirklich. Sein Herz schlug bis zum Hals, das Hirn wollte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das einzige, was er denken konnte war: Lauf!
Aber war das wirklich der Weg? Gewiss, es schien im ersten Augenblick die beste Lösung. Doch ist es nicht nur die einfachste? Er musste helfen. Also wandte er sich zögernd um und betrat das Friedhofsgelände. Widerwillig setzte er einen Fuß vor den anderen, auf die Gruft zu.
Eiseskälte ergriff sein Herz. Dann stieß sein Fuß gegen etwas. Er machte einen Satz zurück.
Ein Grabstein ragte vor ihm empor. Doch worauf war er eben gestoßen?
Der Stein ist es nicht gewesen. Vielleicht eine Baumwurzel? Ja, das musste es gewesen sein. Es ragte nämlich tatsächlich etwas längliches und biegsames aus dem Boden vor dem Stein.
Erleichtert trat er nochmals dagegen. Das Ding gab nach und federte dann zurück.
Plötzlich schnellte die vermeintliche Wurzel vor und ergriff sein Bein. Und es waren Finger, die sein Bein umschlungen hielten und immer fester zudrückten. Knochige, mit dünner, pergamentener Haut überspannte Finger.
Er presste einen entsetzten Schrei hervor. Alle Versuche, sich loszureißen, gingen fehl.
Die Finger gruben sich immer tiefer ins Fleisch. Schmerzhaft verzog er das Gesicht.
Verzweiflung sickert in seine Glieder ein. Verzweiflung und lähmende Furcht. Dann fand er einen Ast unweit seiner Position. Ihn als Hebel einsetzend gelang es ihm schlussendlich, sich zu befreien.
Der Arm erschlaffte. Das Grauen, welches Besitz von ihm ergriffen hatte, ließ ihn schnell zur Gruft eilen. Nur weg von dem verfluchten Grab. Wäre der Rückzug nicht doch die bessere Option? fragte er sich. Nein! Er war soweit gekommen, da konnte er nicht mehr zurück. Und vor allem musste er jemandem zur Hilfe eilen.
Dann stand er vor der Gruft. Drohend wuchs sie vor ihm in den Himmel.
Es lag eine Gestalt vor ihm am Boden. Eine junge Frau. Sie lag auf dem Bauch mit dem Gesicht nach unten. Als sie auf seine Ansprache nicht reagierte, streckte er eine zitternde Hand aus. Dann drehte er sie mit einer raschen Bewegung um. Er prallte zurück. Das Gesicht war verzerrt, der Mund zu einem stummen Schrei verzogen.
Ein erstickter Schrei entglitt seiner Kehle. Er schrie. Und die Kreatur am Boden, die einst mal ein Mensch gewesen war, stimmte mit ein. Schrill und durchdringend gelte ihr Schrei durch die Nacht. Laufen! Nur weg hier! Er drehte sich um. Doch was er nun gewahrte nahm ihm den Verstand. Sein Atem stockte, sein Herz verstummte, das Blut in den Adern gefror.
Der stechende Blick, der dunkle Schemen vor dem aufgegangenen Mond, die Grabeskälte, der eiserne Griff. Eine schwere Tür ächzte in den Scharnieren. Dann ein Knall. Dann Finsternis. Dann Tod...

Er erwachte in seinem Bett. Schweißgebadet und mit klopfendem Herzen. "Nur ein Traum." stellte er fest.
Dennoch gelang es ihm nicht, wieder zur Ruhe zu kommen. So schritt er denn auf den Balkon hinaus, der in Richtung Friedhof lag. Der Mond war eben aufgegangen. Die Turmuhr schlug zwölf. Ein schriller Schrei zerriss die Nacht und vor dem Haus gewahrte er einen nahenden Schatten, welcher sich direkt auf ihn zu bewegte. Die Erkenntnis traf ihn mit erschreckender Klarheit. "Er ist da!"

 

 

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