Lieber Leser,
ich darf mich zuerst einmal vorstellen. Ich bin Christine von Monarch, eine 25 jährige Tochter eines reichen und angesehenen Grafen. Mein Vater lebt leider nicht mehr. Er starb kurz vor meinem 14. Lebensjahr in einer Schlacht mit Paris. Seitdem bin ich mit Richard verheiratet, einem guten Freund meiner Eltern. Er ist ebenfalls adelig und verweilt derzeit in England um wichtige Staatsgeschäfte zu erledigen. Es wäre nicht so, das ich ihn nicht lieben würde, nein!
Viel schlimmer; er langweilt mich. Unsere Ehe ist nicht unharmonisch, nur etwas anödend.
Entweder er befindet sich im Ausland, während ich allein im Schloss sitze, oder er ist zuhause und ruht sich aus. Mir gefällt keine der beiden Möglichkeiten und manchmal dachte ich schon daran, ihn zu verlassen. Aber das würde ich natürlich nie in die Realität umsetzen.
Ohne ihn würde ich auf der Straße sitzen und meinen Körper anbieten müssen, um zu überleben. Gott bewahre! Sollte das jemals geschehen, würde ich mich wahrscheinlich einem grausamen Tod hingeben. Leider sieht es so aus, als könnte mich dieses Schicksal tatsächlich ereilen. Ich bin nämlich schwanger. Sicher, sie denken jetzt, ich sollte mich freuen und stolz sein. Aber dazu bin ich bedauerlicherweise nicht in der Lage, denn das Kind ist nicht von ihm.
Und das ist eigentlich auch der Grund, warum ich das alles aufschreibe. Sollte ich eines Tages sterben, soll der Nachwelt klar sein, was wirklich geschah. Wenn sie das gerade lesen, nehme ich also an, das sie die Nachwelt sind. Ich habe demnach die Ehre, ihnen meine Geschichte zu widmen. Vieles werden sie vielleicht nicht glauben, verstehen oder begreifen.
Da geht es ihnen nicht anders als mir. Zur Zeit bin ich genauso verwirrt, wie sie es sein werden. Sie, als unbeteiligter Dritter, schaffen es theoretisch die Fäden zu entwirren und eine Spur freizulegen, deren Ziel ich momentan auch nicht kenne.
Um ganz am Anfang zu beginnen, muss ich gut 10 Jahre zurückgehen. Richard und ich hatten gerade geheiratet, ich war ein blutjunges Mädchen, das immer noch an die große Liebe glaubte und nicht verstand, warum es diesen alten Mann heiraten sollte.
Mittlerweile ist mir klar, das meine Mutter sich nach dem Tod meines Vaters in großen finanziellen Schwierigkeiten befand und bei meiner Hochzeit eine größere Summe Geld verdiente. Sie dürfen dennoch nicht glauben, das sie mich an irgendeinen Typen verkaufte.
Nein, sie wusste genau, wie Richard war und das er mir nie etwas tun würde.
Jedenfalls lebte ich jetzt mit ihm zusammen und sollte mich wie eine junge, erwachsene Frau benehmen. Für mich äußerst schwierig, da ich praktisch von heute auf morgen meine Kindheit aufgeben musste. In irgendeiner Weise schaffte ich es schließlich dennoch.
Ich gewöhnte mich daran, höflich und vornehm zu sein und Unterhaltungen mit dem nötigen Wissen zu führen. So gestalteten sich die nächsten Jahren, in denen ich sehr einsam war.
Meine Mutter war ein Jahr nach der Trauung gestorben und so hatte ich niemanden außer Richard. Aber ich schaffte es nie, mit ihm über meine Probleme zu reden. Ich mochte ihn, vertraute ihm in vieler Hinsicht und wurde nie mit Gewalt seinerseits konfrontiert.
Unser Liebesleben war...Um ehrlich zu sein, hatten wir eigentlich gar kein Liebesleben.
Ich habe noch nie mit ihm geschlafen und deswegen ist es auch nicht sehr passend gerade jetzt schwanger zu sein. Er erwartete nichts von mir außer Treue und Verständnis.
2 Forderungen, an die ich mich immer gehalten hatte. Außer...außer in dieser einen Nacht.
Ich war zu einem Fest des Grafen Alexander eingeladen, bei dem Richard nicht anwesend sein konnte. Ich stand also in diesem schwarzen teuren Kleid in der Ecke, tat so als würde ich ein Glas Rotwein trinken und lächelte Vorbeigehende an. Ich wollte nichts lieber als nach hause, als ich plötzlich diesen Mann sah. Er trug einen dunklen Anzug und ein merkwürdig geschnittenes Cape. Seine Haut war bleich wie Marmor, seine Lippen rot wie der Wein und seine Augen strahlten Kälte aus. Er warf mir einen Blick zu, der mir einen Schauder über den Rücken laufen ließ und mir das Gefühl gab, das er all meine Sünden kenne.
Langsam kam er zu mir rüber und lehnte sich neben mir gegen die Wand, während er ein Glas mit einer dunkelroten Flüssigkeit hin und her schwenkte. Ich starrte schüchtern auf den Boden, sein Duft hatte etwas betäubendes. Eine Mischung aus Lavendel, Verlangen und einem, mir unbekannten, Duft.
„Ich glaube, ich hab mich ihnen noch nicht vorgestellt. Ich bin Graf Alucard.“
Seine Stimmte drang wie durch einen Nebel zu mir und klang so sanft und melodisch, wie die einer Harfe. Mit zitternden Fingern ergriff ich seine Hand. Eine Eiseskälte durch brach mich, drang in jede Faser meines Körpers und schien durch meine Adern zu kriechen.
Bevor ich es noch richtig verstand sagte er schon: „Christine ist ein schöner Name.
Ich kannte eine Frau, die ebenfalls so hieß.“
Stotternd erklärte ich: „Dieser Name ist eigentlich sehr ungewöhnlich...“
„Oh, dann passt er ja zu ihnen.“ Er sah mir tief in die Augen. Ich schien in die Schwärze seiner Iris zu fallen, den Boden unter den Füßen zu verlieren, zu stürzen...
Immer tiefer, unaufhaltsam dem Boden entgegen. Ich spürte schon den Aufprall als er den Kopf abwandte und ein vorrübergehendes Pärchen begrüßte.
Lächelnd wandte er sich wieder mir zu und fragte: „Sind sie glücklich?“
Schwach nickte ich, ohne es zu merken. Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle mehr über meinen Körper zu haben. Dieser Fremde, hatte etwas merkwürdig anziehendes.
„Darf ich sie in meine Gemächer entführen?“ Und schon legte er den Arm um mich und führte mich aus dem Saal. Erst in der Eingangshalle war ich in der Lage wieder klar zu denken und entwand mich seinem Griff. Seine Augenbrauen gingen ein Stück hoch und sein Mund verhärtete sich. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich auch nicht wusste, warum. Ich wollte ihm erklären, das ich verheiratet war, gebunden, nicht frei...
Ich hätte natürlich schon viel früher kommen können. Aber dann wäre das alles sehr schwierig geworden. Ich wollte unnötige Probleme und Missverständnisse vermeiden.“
Fassungslos starrte ich ihn an. Ich war hin und her gerissen zwischen Wut und Faszination.
Nachdem ich mich wieder gefangen hatte sagte ich: „Es tut mir leid, aber ich kann ihrer Geschichte wirklich keinen Glauben schenken. Ich sehe sie heute zum ersten Mal und meine Wünsche und Sehnsüchte kenne bestimmt nur ich.“ Er lächelte und strich mir über die Wange. Ich zuckte zusammen, wieder diese Kälte.
„Kommen sie mit und ich werde ihnen sagen, was sie wirklich wollen und brauchen.“
Einen Moment dachte ich über diesen Vorschlag nach. Normalerweise hätte ich nie eingewilligt aber dieser Mann hatte meinen Willen schon lange gebrochen.
„Nun gut, aber nur wenn sie mir etwas versprechen.“ Erwiderte ich ernst.
„Ich kann ihnen die Welt versprechen, nur leider wollen sie diese nicht. Was?“
Etwas verwirrt über seinen ersten Satz antwortete ich: „Sie lassen mich jederzeit wieder gehen. Wenn es mir nicht mehr gefällt darf ich nach hause.“
„Nach hause? Sie wollen zurück in die Hölle? Nicht jeder würde sich das wünschen aber sie sind, wie gesagt, ungewöhnlich. Also, ich verspreche es ihnen. Gehen wir.“
Im Hof wartete bereits eine große schwarze Kutsche, vor die 4 prächtige dunkle Hengste gespannt waren. Im Inneren war sie mit rotem Stoff ausgestattet und einzelnen goldenen Scharnieren verziert. In dem Moment, in dem ich einstieg, legte sich ein Zauber auf mich.
Ich schien in eine andere Welt getreten zu sein. Fernab von dem Grafen Alexander, seinem Schloss und Richard. Meinen Ehemann hatte ich vollkommen vergessen.
Graf Alucard nahm mir gegenüber Platz und schon spürte ich, wie sich die Kutsche in Bewegung setzte. Mir fiel außerdem auf, das der Mann immer noch das Glas mit der merkwürdigen Flüssigkeit in der Hand hielt. Er merkte meinen Blick und meinte: „Wollen sie einen Schluck?“ Ich schüttelte unsicher den Kopf und er stellte das Glas auf eine Ablage.
„Christine, sie sind eine wunderschöne Frau. Nein, ein wunderschönes Mädchen.
Nach außen hin mögen sie vielleicht als Erwachsene erscheinen aber tief in ihnen sind sie immer noch das kleine hilflose Mädchen, das so früh seiner Jugend beraubt wurde.“
Seine Stimme drang leise an mein Ohr und wurde von der Dunkelheit fast vollständig verschluckt. Die kalte Luft strich sanft über meine Haut, streichelte mich.
„Wissen sie, was sie am meisten bedrückt? Eine Frage. Eine einfache Frage, die sie schlaflose Nächte kostet. Sie manchmal verrückt macht. Und auf ewig unbeantwortet bleibt.“
Meinen Kräften beraubt flüsterte ich: „Was für eine Frage?“
„Warum sie schon 11 Jahre verheiratet sind, und trotzdem noch nie das Glück der körperlichen Vereinigung spürten.“ In jedem anderen Fall hätte ich mich spätestens jetzt geweigert, das Gespräch fortzusetzen. Aber ich war ihm verfallen und dachte nicht mehr.
Lauschte nur noch seiner Stimme, die mir sagte, wer ich war.
„Heute nacht werden sie ihre Unschuld verlieren. Aber deswegen werden sie nicht schuldig sein. Nein, sie werden sie wieder erlangen. Vorausgesetzt sie wollen es.“
Zart fuhr ich mit meiner Zunge über meine weichen Lippen und schloss die Augen.
„Jahrelang wollten sie es erlebten. Versuchten es immer und immer wieder. Erfolglos.
Im letzten Moment machten sie einen Rückzieher und ließen Richard allein.
Er war nicht glücklich darüber, dennoch verschwendete er seine Gedanken nicht daran.
Für ihn ist dieser Akt der Leidenschaft nichts sagend. Schade, wirklich schade.
Denn es ist viel mehr als nur eine Paarung zur Zeugung Kinder. Es ist die höchste Erfüllung, ein wunderschönes Gefühl. Etwas, das man nie vergessen wird. Ein Traum aus schmerzlicher Süße. Sie wissen das. Nicht wahr, Christine?“
Seine Worte krochen unter mein Kleid, berührten mich sanft, küssten meine Haut.
Eine Woge der Ekstase schwappte über mich. Noch nie zuvor hatte ich dieses Gefühl der Lust in mir gehabt. Aufpeitschend, rücksichtslos, fantastisch...
„Geben sie mir ihre Hand. So ist es gut. Und jetzt denken sie an etwas schönes. Am besten an sich. Lassen sie sich treiben und genießen sie einfach. Diese Nacht existiert kein Schmerz, keine Pein, keine Angst vor morgen.“ Ich fiel in einen Art Trancezustand, nahm nicht mehr wahr, was um mich rum geschah. Spürte nur noch diese Wärme in mir, gemischt mit meiner tiefsten Sehnsucht. Unaufhaltsam wurde ich in den Strudel meiner Gefühle gezogen...
Schwach spürte ich eine Hand auf meinem Hals und dann einen Stich.
Etwas kaltes floss über meinen Körper, nahm mir den Atem, breitete sich über mein Kleid aus. Begrub das Feuer unter sich und hinterließ ein bittersüßes Gefühl in meiner Lunge.
Mein Mund schien das einzig lebende Körperteil zu sein. Er verbrannte alles, was mit ihm in Berührung kam. Rang solange mit Alucards Zunge, bis er irgendwann nicht mehr konnte und ich erschöpft nach Luft schnappte. Langsam bekam ich wieder ein Gefühl in meinen Beinen, das sich den ganzen restlichen Körper hocharbeitete. Meine Lust sank wieder hinab und mein Verstand setzte ein. Ich schlug die Augen auf und sah mich um.
Ich saß aufrecht in der Kutsche, mir gegenüber immer noch der Graf. Er lächelte leicht und ich konnte etwas rotes an seinen Zähnen schimmern sehen. Ich bekam Angst vor dem allem und sagte schwach: „Ich will nach hause.“ Er öffnete die Tür, machte eine winkende Handbewegung und meinte: „Da sind wir bereits.“ Ich schaute nach draußen und tatsächlich standen wir vor dem Tor von Richards Schloss. Schwerfällig richtete ich mich auf.
Meine Knie fühlten sich weich an und ich schaffte es fast nicht die Treppe runter.
Wieder auf dem Boden drehte ich mich noch einmal zum Grafen um.
„Wir werden uns bald wieder sehen. Ihnen werden die Umstände unseres nächsten Treffens nicht gefallen. Aber das müssen sie auch nicht. Solange sie so hübsch bleiben, werde ich ihnen ihre schlechte Laune verzeihen. Ach ja ,“ fügte er hinzu, „sie haben einen wunderschönen Hals. Das nächste mal werde ich ihnen ein Märchen über einen Schwan erzählen.“ Mit diesen Worten verschwand er. Ließ mich zurück, schwanger und mit einer Angst, die von 2 kleinen Wunden an meinem Hals ausgelöst wird.