Regen prasselte laut gegen das Fensterbrett. Wassertropfen liefen an den Scheiben herunter und zogen lange Linien aus auf dem schmutzigen Glas. Bei so einem Wetter wurde Tom Hiller immer von ganz alleine Müde. Diese dunklen Wolken draußen, die kaum Licht durchließen, das Geräusch des platschenden Regens...dies alles ließ in ihm einfach ein Gefühl der Schlaffheit aufkommen und er wünschte sich nur noch ein Kissen und eine Decke zum glücklich sein. Aber gerade das war es ja, was es zu vermeiden galt, denn in seiner jetzigen Situation war natürliche Müdigkeit höchst unerwünscht. Er saß in der Kantine der Medizinfabrik „Medotica“ und wartete ungeduldig darauf, sich endlich bei den für ihn und dem Experiment verantwortlichen Ärzten melden zu dürfen. Noch hatten sie keine Zeit für ihn und man hatte ihm gesagt, er dürfe in der Zeit noch eine kostenfreie Malzeit zu sich nehmen. Er bedauerte langsam, sich überhaupt für diesen Schwachsinn gemeldet zu haben.
Alles hatte damit angefangen, dass er seinen Job als Drucker bei der Zeitung verloren hatte. Es lag urplötzlich einfach ein netter kleiner Brief bei ihm im Kasten, der ihm auf wunderbar liebevolle Art mitteilte, dass sich seine Firma ab jetzt einen Scheißdreck um ihn und seine Zukunft scherte und er es auch ja nicht wagen sollte, nach Ablauf der Kündigungsfrist noch einmal seinen Breitarsch durch das Firmentor zu schieben.
Er arbeitete dann noch drei Monate dort, in denen er jeden Tag mehr hass auf die großen Sesselfurzer in ihren Büros einen Stock über der Druckhalle kriegte. Zum Schluss wäre er fast zu einem Mord bereit gewesen und musste sich wirklich mit aller Kraft zwingen, sich zu beherrschen. Dazu kam, dass seine früheren Kollegen nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten. Seine Freunde, wie er bisher zumindest immer dachte, mit denen er schon so viele Abende zusammen losgezogen war, behandelten ihn jetzt wie Luft, mieden ihn sogar.
Schließlich kam dann der letzte Tag und Tom wunderte sich auch schon gar nicht mehr, dass ihm niemand auf Wiedersehen oder ähnliche platte Floskeln an den Kopf warf, sondern alle nur so taten, als seien sie viel zu beschäftigt, um ihn zu verabschieden.
Von da an schien er in ein bodenloses Loch aus Frust, Schulden und Selbstzweifeln zu fallen. Um die hohe Miete für seine kleine Zweizimmerwohnung bezahlen zu können, musste er immer wieder Gelegenheitsjobs annehmen. Das ging jetzt schon seit über einem Jahr so. Und seine Jobs wurden immer demütiger. Er war mittlerweile schon zu fast allem bereit. Mit einem leichten schaudern entstand vor seinem Auge eine schreckliche Vision: Irgendwann in naher Zukunft, würde man ihn auf irgendeiner schmutzigen Herrentoilette finden, wo er....nein, das konnte nicht sein! Tom wischte diesen ekelhaften Gedanken schnell wieder fort und versuchte krampfhaft, ihn auch weiterhin aus seinem Kopf zu verdrängen. Doch ein nagendes Gefühl, eine Vorahnung auf ein Schlimmes Ende, blieb und fraß langsam und genüsslich an seinen Nerven. Mürrisch versuchte er, sich auf seine bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Das Projekt, für das er sich freiwillig aufgrund einer Anzeige gemeldet hatte, war mit Abstand das Skurrilste, was er je getan hatte: Er gab sich der Wissenschaft pries als eine Art menschliche Laborratte! So konnte man es wohl am Besten bezeichnen. In der Zeitung, die Tom damals verschlafen las, stand allerdings wörtlich:
„Testperson für neu entwickeltes Medikament gesucht- einfach, ungefährlich, gutbezahlt! Zu melden bei Dr. Tomack“
Die Firma hatte ein neues Produkt entwickelt- es sollte den Markt erobern und sie marktführend auf diesem Gebiet machen. Als sich Tom per angegebener Telefonnummer bei diesem Arzt meldete, hatte dieser im gesagt, bei dem Medikament würde es sich um eine völlig neue Art von Betäubungsmittel handeln, ein starkes Schlafmittel, welches den Körper nicht angreifen sollte. Es geriet zwar ins Blut, die Wirkstoffe nähmen aber nur Einfluss auf das Hirn, wo die Ausstoßung der für das Einschlafen zuständigen Wirkstoffe ausgelöst werden sollte. Es sollten also Schlafhormone ausgestoßen werden und- falls erforderlich, auch künstliche Wirkstoffe aus der Pille, damit die Einname auch garantiert zum Einschlafen führen würde. Das Mittel sollte zudem einen schnellen und langen Schlaf garantieren. Aber um zu wissen, wie sich das Mittel auf den Traum auswirkt und ob das Medikament vielleicht starke Nebenwirkungen beim Menschen auslösen würde, kam man leider um einen Versuch an Menschen nicht herum.
Tom erhielt diesen zweifelhaften Job und sollte nun der erste sein, der die neuartige Pille verpasst bekam.
Damit hätte Tom auch gar kein Problem gehabt. Doch kaum hatte er sich am Empfang gemeldet, wurde er schon mehr wie ein Versuchstier, als wie ein Mensch behandelt.
„Der Doktor hat zu tun!“, fuhr ihn die Dame hinter dem Tresen an.
„Wird sie dann holen, wenn er soweit ist. Gehn sie solang in die Kantine!“
So setzte sich Tom missmutig an einen der schmutzigen Tische und schaute dem Spiel des Regens an den Fenstern zu.
Die andren Gäste waren alle Mitarbeiter des Konzerns: Vorwiegend Ärzte in weißen Kitteln, aber auch Manager oder andere Büroangestellte in schwarzen oder grauen Jacketts.
Tom starrte vor sich hin. Der Regen draußen schien stärker geworden zu sein und Tom musste wieder gegen die Müdigkeit ankämpfen, die in ihm hochstieg. Er konnte ein Gähnen nicht ganz unterdrücken. In dem stillen Raum hörte man selbst das und einige Anwesenden schauten ihn teils spöttisch, teils vorwurfsvoll an.
In dem Moment ging die Tür auf und ein weitere Arzt in weißem Kittel kam herein. Er hielt jedoch einen Notizblock unter dem Arm und schaute suchend in die Runde. Tom musste nicht das Namensschild lesen, welches der Mann trug, er wusste auch so, dass es Dr. Tomack war. Er stand auf und der Doktor kam ihm mit einem unschuldigen Lächeln entgegen, wie ein Arzt ein kleines Kind anlächelt, dass Angst vor der Behandlung hat
Spar dir dein beschissenes Grinsen! ging es Tom durch den Kopf. Der Arzt streckte ihm die Hand entgegen.
„Guten Tag Herr Hiller! Schön, dass Sie gekommen sind!“, sagte er laut und energisch.
„.......Ja. Hallo.“, konnte Tom nur erwidern. Der Mann lächelte noch breiter.
„Nervös? Keine Sorge, ihnen passiert nichts, dass verspreche ich ihnen. Das Produkt wurde ja von uns schon sehr lange getestet- nur noch nicht an Menschen.“
Diese Aussage beruhigte Tom etwas. Er war wenigstens nicht das erste lebende Wesen, dem man das komische Zeug verabreichte.
Der Doktor führte Tom aus der Kantine durch einen Gang, in dem die Hälfte der Neonröhren defekt waren und blinkten. Die ganze Atmosphäre war alles andre als behaglich. Ihre Körper warfen bei jedem Aufblitzen einer Röhre neue, bedrohliche Schatten an die dreckigen, grauen Wände.
Was bist du nur für eine Memme, fürchtest dich vor deinem eigenen Schatten! Schimpfte Tom mit sich selbst. Sie kamen an einen Aufzug, in den Tomack ihn aufforderte einzusteigen. Sie fuhren ins zweite Untergeschoss.
„Dort unten werden wir das Experiment durchführen“, meinte der Arzt beiläufig.
„Übrigens, diese Aufzüge sind nagelneu, nicht mal ein Jahr alt. Die neuste Technik.“
Was interessiert mich dieser Scheiß Aufzug mit seiner tollen Technik?, dachte Tom mürrisch, während sich die Kabine fast geräuschlos und ohne, dass man es merkte, nach unten bewegte. Als sie angekommen und ausgestiegen waren, durchzuckte Tom ein gewaltiger Schock. Ungläubig starrte er aus dem Aufzug heraus auf die Szenerie, die sich ihm jetzt bot: In dem spärlich beleuchteten Raum standen überall Käfige mit Tieren. Sie waren an Instrumente angeschlossen und Leute in weißen Kitteln wandelten zwischen den Boxen auf und ab.
„Das Versuchslabor!“, entfuhr es Tom mit leichtem Schaudern. Das hatte ihm niemand gesagt, dass er HIER das Mittel nehmen sollte. Und tatsächlich, etwa in der Mitte des riesigen Raumes, der wohl das ganze Untergeschoss ausfüllte, stand zwischen den Käfigen in einer mit Plastikvorhängen abgegrenzte Parzelle ein Bett mit Messgeräten daneben. Es hätte genauso gut an jedem andren Ort im Raum stehen können und erweckte wirklich den Eindruck eines völlig normalen Versuchsaufbaus.
„Ich komme mir langsam vor wie ein Versuchskaninchen!“, meinte Tom, nachdem er die Sprache wiedergefunden hatte.
„Das brauchen Sie aber nicht“, meinte der Doktor beruhigend.
„Nein, weil wir hier nur Versuchskatzen haben!“, rief ein junger Mann lachend im Vorbeigehen, der Tom gehört hatte.
„Alex, lass den Mann in Ruhe! Du hast dich genauso gefühlt, als du im Zuge deiner Ausbildung das erste Mal hier unten warst!“, ermahnte Tomack den Jungen. Ganz offensichtlich war er hier die leitende Kraft. Tom musste sich jetzt auf das Bett legen und ihm fiel sofort das extrem unbequeme Kissen auf.
„Da hol ich mir ja eine Verspannung!“
Tom sah sich um: Nur wenige Meter neben ihm sah er einen Hund an eine Maschine angeschlossen, die ihm ein Mittel über mehrere Stunden hinweg intravenös einflößte. Die Augen waren blutunterlaufen und er versuchte immer wieder verzweifelt davonzurennen, wurde aber einerseits durch die festen Ketten behindert, die mit einer Betonsäule verankert waren, andererseits waren seine Beine wohl durch das Mittel lahm geworden. Er tapste benommen herum und jaulte ab und an leise- mehr einem Wimmern gleich. Viele Kabel und Sensoren, die seinen Gesundheitszustand überwachten, waren auf sein Fell geklebt. Man wollte wohl feststellen, wie hoch die Konzentration im Blut allerhöchstens sein durfte, bevor das Tier nicht mehr zu retten war. Tom spürte, wie ihm sein Frühstück- ein altes Brot mit Butter und Kaffeeersatz- wieder hochkam und schmeckte den säuerlichen Geschmack.
„Also bei allem Respekt guter Mann, das kann ich nicht! Ich soll HIER schlafen? Vielleicht noch ein gutes Buch dazu lesen?“, meinte er zu Tomack gewandt.
„Oh, seien sie ganz unbesorgt, sobald Sie die Pille genommen haben, werden wir Sie erst einmal mit etwas Lachgas betäuben. Dadurch müssen sie nicht warten, bis das Mittel anfängt zu wirken, was so ungefähr eine halbe Stunde dauern dürfte. Höchstwahrscheinlich werden Sie es merken, wenn das Mittel wirkt. Wurden sie schon mal mit Lachgas betäubt?“
„Ich hatte leider das große Pech, bisher nicht in diesen bestimmt außerordentlich reizvollen Genuss zu kommen“, meinte Tom sarkastisch.
„Nun, ich kann ihnen versichern, dass es absolut harmlos ist“, gab Tomack zurück und gab den Anschein, als hätte er die bissige Bemerkung Toms nicht gehört.
„Es wird für sie so sein, als träumten sie bereits. Wenn die Wirkung nachlässt, werden Sie wohl kurzzeitig das Gefühl haben, sehr tief zu fallen. Aber bis dahin dürfte das neue Mittel bereits die erwünschte Wirkung in ihrem Hirn eingeleitet haben und ihre Reise ins Land der Träume wird sich ungestört fortsetzen.
„Ist das alles eigentlich gefährlich für mich? Ich meine, körperlich und geistig?“
„Körperlich auf keinen Fall. Das revolutionäre an dem Zeug ist ja, dass man davon nicht, wie bei anderen gängigen Mitteln abhängig wird, sondern jederzeit die Pille absetzen kann und keine Entzugserscheinungen kriegen wird. Geistig tappen wir aber noch völlig im Dunkeln. Einige Tiere sind aggressiv geworden, nachdem sie wieder zu sich gekommen sind, andere dagegen völlig teilnahmslos. Bei vielen kann man aber so direkt keinen Unterschied feststellen. Wir gehen davon aus, dass dies bei ihnen doch auch so sein wird- immerhin haben wir die Dosis stark reduziert. Wenn Sie ruhig und entspannt wieder aufwachen, dann kann das Produkt schon fast vertrieben werden. Ich denke ja, dass es für Sie das reinste Vergnügen wird- immerhin kriegen Sie auch noch 500 € dafür! Freuen Sie sich: Sie können endlich mal wieder so richtig schlafen und entspannen. Jetzt nehmen Sie aber bitte das Medikament. Wir haben nur 5 Stunden Zeit und machen um 16 Uhr zu!“
Zwar war Tom immer noch etwas unbehaglich, aber dann dachte er sich: Scheiß drauf, ich hatte schon oft Albträume, aber für diesen hier gibt’s Cash!
Er ließ die Messsensoren an seinem Körper befestigen und sich ein Glas Cola bringen. Nachdem er den halben Inhalt getrunken hatte, nahm er die längliche Pille. Sie war in zwei Kapseln aufgeteilt, einer roten und einer weißen. Eine mit Wirkstoffen, die meine eigenen Stoffe fürs Schlafen freisetzen und eine mit viel künstlichem Mist, dachte er bei sich und spülte das Ding mit dem letzten Rest im Colaglas und einem leichten Ekel herunter. Danach legte er sich hin und ein Kerl im weißen Kittel drückte ihm ein kleines Atemgerät auf die Nase.
„Gleich werden Sie schlummern wie ein Baby. Vergessen Sie nicht: Alles, was sie träumen, müssen Sie uns später erzählen! Und jetzt: Zählen Sie bis 10.“
Tom fing an zu zählen, während er das zischen von Gas vernahm:
“1,...2,...3,....4....”
Dann wurde es schlagartig schwarz um ihn und seine Sinne schwanden.
„He! He Kumpel, wach schon auf!“
Tom blinzelte. Alles war verschwommen und verschleiert um ihn, er konnte nicht einmal klare Umrisse erkennen. Aber die Helligkeit, die an sein Auge drang, ließ keinen Zweifel daran zu, dass er sich nicht mehr im Untergeschoss des Konzerns befand.
Solls das etwa schon gewesen sein? Ist ja nicht gerade berauschend. Na ja, leicht verdientes Geld, ging es ihm durch den Kopf und er stellte fest, dass es ein sehr genüssliches Gefühl war, den Ärzten 500 Euro dafür abzunehmen, dass sie ihn mal wieder richtig haben schlafen lassen. Er lag in einem Bett. Nicht so ein hartes und unbequemes Teil wie dass aus dem großen Laborraum. Nein, dieses war weich und kuschelig und Tom hätte sofort wieder weiterschlafen können. Doch die fremde Stimme, die ihn so unsanft geweckt hatte meldete sich erneut und klang nicht unbedingt, wie ein diensthabender Doktor.
„Hör mal Kleiner- entweder du raffst dich jetzt hoch oder ich wird ungemütlich. Wir haben schon genug herumgetrödelt!“
Missmutig und Mühsam versuchte Tom sich zu bewegen, seine Augen zu reiben, um so den Schleier von ihnen zu entfernen. Noch während er dies in Zeitlupentempo tat, hörte er, wie der Fremde bei ihm zufrieden seufzte. Nachdem er seine Augenpflege beendet und noch einige Male tüchtig geblinzelt hatte, konnte er wieder ziemlich klar sehen und drehte sich in die Richtung, aus der er die Stimme gehört hatte.
Neben seinem Bett stand ein fremder Mann im roten Smoking. Sein Gesicht wirkte faltig und alt und er schätzte ihn grob ende 50 ein. Der Mann trug außerdem unter dem Smoking ein weißes Hemd und eine strahlend weiße Hose. Die ganze Erscheinung des Kerls erinnerte Tom eher an einen Vertreter für Haushaltswaren oder Staubsauger.
Was soll das alles? Ist dieser komische Kerl hier der Chef?, fragte er sich selbst.
„Was ist mit dem Versuch? Wann bekomme ich mein Geld?“, brachte er etwas verschlafen hervor.
„Junge, ganz ruhig. Du bist jetzt aus deiner engstirnigen Welt befreit!“
„Wie? Was soll das heißen? Mann hören sie, ich hab für sie diesen Bockmist mitgemacht und jetzt will ich meine Kohle, wie abgemacht. Wo bin ich eigentlich? Das hier ist nicht das Labor, indem der Versuch gemacht wurde.“
„Du bist bei mir und in einer besseren Welt!“
Tom setzte sich auf und schaute den Kerl entgeistert und wütend an Sollte das ein schlechter Witz sein? Noch vor einer Minute so schätzte er, lag er in dem ungemütlichen Versuchsbett und sollte das komische Schlafmittel testen. Und jetzt erzählte ihm hier dieser schmierige Kerl in bester Pfarrermanie, er sei in einer besseren Welt! Tom konnte daraus nur einen Schluss ziehen: Dieser Typ war Verrückt! Wohl ein anderes menschliches Versuchsobjekt dieser Firma, so schätze er. Dieser Mann schien das, was man mit ihm gemacht hatte allerdings nicht so gut überstanden zu haben, wie Tom. Und allem Anschein nach war er, Tom, jetzt mit diesem Typ ganz allein- wie auch immer es dazu kommen konnte. Der Mann schlenderte gemütlich durch das Zimmer und setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke.
Tom wollte jetzt antworten! Das alberne Gerede dieses Spinners machten ihn zornig und rasend. Er wollte nur hier raus, sein Geld und dann auf nimmer Wiedersehen sagen.
„Was reden Sie eigentlich für einen Schwachsinn? Wo ist Doktor Tomack und wo verdammt geht’s hier bitte raus, ich will mein Geld. Lassen Sie mich in Ruhe mit ihrem dämlichen Gefasel, sonst werde ICH nämlich ungemütlich!“
„Oh Junge, du verstehst noch gar nichts. Du denkst natürlich noch so, wie ein normaler stupider Mensch. Warte, bis du das ganze System verstehst, dann wirst du auch verstehen, dass nichts so ist, wie du gedacht hast.“
Tom wurde mulmig. Dieser Kerl machte ihm Angst. Das Zimmer sah aus, wie in einem Krankenhaus, nur ohne Möbel. Außer dem Stuhl und dem Bett befand sich nichts darin. Licht schien durch ein Fenster an der rechten Wand und die gelben Wände schienen dadurch noch greller. Der Mann saß völlig entspannt da und lächelte leicht.
„Wer sind sie eigentlich Mann und was wollen sie von mir?“, fragte er beklommen. Der fremde Mann antwortete völlig gelassen:
„Ich werde dich aus deiner öden Welt befreien. Du wirst über der minderwertigen Weltanschauung deiner ehemaligen Mitmenschen stehen. Du wirst die Welt, das System, verstehen und wirst es erretten!“
Tom bekam es jetzt wirklich mit der Angst zu tun. Der Kerl war eindeutig völlig ausgeflippt. Einer dieser Weltverbesserer, dem niemand Beachtung geschenkt hatte und der jetzt meint, er müsse die Menschheit retten! Was hatten sie dem nur in den Tee getan? Eigentlich konnte Tom solche Leute nicht ausstehen. Er hasste es, wenn ihn Leute auf der Straße anredeten und ihm erzählten, wir müssten uns alle zusammentun und die heilige Kraft in uns gegen alles Böse richten, damit durch Licht und Liebe unsere Welt wieder friedlich werden würde. Dieser Mann passte zwar in diese Kategorie, aber er war doch auch völlig anders. Er war kalt und bestimmt, in seiner Stimme hörte man immer die Bereitschaft, für das, woran er glaubte, mit aller Kraft und allen Mitteln zu kämpfen. Er wollte nichts mehr von dem Unfug hören, denn dieser Mann war ihm alles andere als geheuer.
„Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie da reden. Ehrlich gesagt ist es mir auch scheißegal. Lassen Sie mich einfach in Ruhe, Sie haben sich den falschen ausgesucht. Leben Sie lang und zufrieden, verrückter Spinner!“
Noch während er sprach, bereute er seine Worte. Wohl nicht zu Unrecht, denn der unheimliche Mann senkte jetzt plötzlich den Kopf und aus seinen Augen blitze unglaubliche Wut.
„Gleich springt er mich an“, dachte Tom bei sich. Doch der Mann sprach trotz seines offensichtlichen Zorns über Toms Kommentar ruhig weiter, wofür ihm Tom innerlich leisen Respekt zollte, aufgrund einer so eisernen Beherrschung.
„Du denkst schon wieder falsch. Ich zeige dir etwas“, meinte er und deutete auf den Boden des Zimmers, in dem Sie waren. Und was dann geschah, ließ Tom wirklich ernsthaft zweifeln! Aber nicht mehr am Geisteszustand des Fremden, sondern an seinem EIGENEN Verstand! Unglaublich gaffte er auf die Holzdielen und hätte fast gelacht, denn was er erblickte, war einfach zu verrückt, um wahr sein zu können. Vor seinen Augen begann der Boden zu wabern und Rauch stieg aus ihm empor. Wo vor einer Sekunde noch ein solider Holzboden war, blubberte jetzt eine braune, zähe Masse, die an heißes Magma erinnerte. Der Boden hatte sich verflüssigt und kochte jetzt! So einfach war das! Tom brachte keinen Laut hervor. Dann kam ihm der einzig logische Gedanke:
Ich träume das alles! Das ist die Wirkung der Pille, die ich genommen habe!
Es konnte ja gar nicht anders sein! Es gab keine unerklärlichen Phänomene, das war alles Erfindung von spirituellen Spinnern. Das war also alles nicht real. Deswegen schaute Tom den Mann jetzt herausfordernd an und meinte dann gelangweilt wieder zu dem kochendem Fußboden gewandt:
„Wissen Sie, das beeindruckt mich gar nicht. Warum sollte es auch? Sie existieren ja gar nicht, also existiert auch dieser ganze Raum nicht. Ich träume das alles nur. Ist aber ein sehr blöder und langweiliger Traum, finden Sie nicht?“
Tom erwartete jetzt einen Wutanfall des Mannes. Tief in seinem Innern rechnete er sogar damit, von ihm in die Suppe gestoßen zu werden und wieder aufzuwachen. Er malte sich schon aus, den Ärzten freudig verkünden zu dürfen, dass die Pille nichts tauge, weil sie Halluzinationen auslöse. Doch nichts dergleichen Geschah. Der Stuhl mit dem seltsamen Kerl im Vertreterlook schwamm gemütlich über den brodelnden Boden und genauso gelassen fuhr auch der Mann fort:
„Vielleicht ist es so und du träumst. Im Grunde ist doch das ganze Leben ein Traum! Du kannst mir nicht beweisen, ob du gerade träumst oder das hier real ist!“
„Es KANN nicht real sein, ganz einfach!“
„Ach ja? Nenn mir nur einen Grund warum nicht! Ich stehe vor dir und rede mit dir! Ich denke, also bin ich. Jungchen ich wäre bestimmt nicht so gut aufgelegt, wenn ich nur eine Einbildung deinerseits wäre. Aber genauso gut könntest DU eine Traumgestallt in meinem Traum sein! Oder sind wir alles Figuren im Traum eines anderen? Niemand kann das sagen, du am allerwenigsten, nachdem du ja immer noch glaubst, dies sei eine Reaktion auf irgend ein Medikament! Wenn ich nicht den Boden zur Suppe gemacht hätte, du würdest dies bestimmt nicht für Fiktion halten!“
Tom konnte nicht mehr weiterreden. Diese Diskussion erschien ihm aussichtslos und Hirnrissig.
Was mache ich hier gottverdammt? Ich rede mit einer meiner Traumgestallten darüber, ob dies hier real ist oder nicht!
Er versuchte krampfhaft einen Anhaltspunkt zu finden, der ihm sagte, dass dies alle nur ein Traum sei.
Natürlich stach da das völlig absurde Bild des Fußbodens ins Auge. Aber etwas machte Tom große Angst: Es bestand natürlich absolut kein Zweifel daran, dass dies einfach ein Traum sein musste. Aber etwas passte nicht ins Bild. Normalerweise fühlt man sich bei einem Traum seltsam leicht oder verspürt zumindest ein gewisses Gefühl der Freiheit. So war es ihm zumindest bisher immer ergangen. Aber seit dem Zeitpunkt wo ihn dieser Irre geweckt hatte, machte er alle Phasen des Aufwachens durch und fühlte sich jetzt so, wie er sich immer fühlte, wenn er hellwach war: Schwach und Schwer. Er gewann tatsächlich immer mehr den Eindruck, als sei er aus einem langen Traum aufgewacht! Wie konnte das sein? Wieso bekam er plötzlich das Gefühl, ein blubbernder Boden und darauf schwimmende Möbel seien etwas ganz alltägliches und Teil der realen Welt?
Tom wollte nicht weiter daran denken. Dies alles machte ihm Angst. Er dachte bis zu diesem Zeitpunkt, nichts könnte ihn mehr erschüttern. Doch da hatte er sich geirrt. Dieser Mann war anders.
Tom wollte das Thema wechseln- er hatte genug von diesem Gerede über bessere Welt oder Errettung.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er, um wenigstens zu wissen, mit wem er da diese hochphilosophische Diskussion führte.
„Mein früherer Name war Ludwig. Das ist aber fast 200 Jahre her, glaube ich.“
Jetzt reichte es Tom entgültig und er stellte sich auf sein Bett, um sich größer zu machen und um auf diesen Typ drohend herabblicken zu können.
„Sie wollen mir erzählen, Sie sind seit 200 Jahren am Leben?“
„Leben, Tod, das gibt es für mich nicht! Das ist alles eine Ausgeburt eurer primitiven Weltanschauung. Ich stehe darüber- und du auch bald!“
Das war zuviel, entgültig zuviel! Jemand, der ernsthaft behauptet, seit 200 Jahren ein Leben zwischen Leben und Tod zu führen, für den war es ein Wunder, dass er noch nicht im Irrenhaus saß.
„Ich gehe jetzt! Sehen Sie zu, dass man Sie nicht in die Klapsmühle steckt, wenn Sie weiter so einen Unsinn verzapfen!“
„Sie meinen Ich sei Wahnsinnig? Sind es nicht vielleicht Sie?“
„Ich bin kerngesund glauben Sie mir!“
„Wirklich? Nun, ich werde Sie gehen lassen- dorthin, woher Sie gekommen sind. Dann werden wir sehen.“
Etwas war jetzt anders. Der Mann sprach komisch, fasst hämisch- als wüsste er es besser, würde etwas vor Tom verbergen.
Da krachte es Plötzlich in dem kleinen Zimmer und Tom gefror das Blut in den Adern, als er sah, was den Lärm verursachte. Jemand drischte von außen mit einer Axt in die Tür! Nach zwei Sekunden kam der nächste Einschlag, jetzt waren es zwei Leute, die sich an der Tür zu schaffen machten! Im selben Moment verwandelte sich die brodelnde Suppe am Boden wieder zu normalen begehbaren Holzdielen. Nach einigen weiteren Schlägen brach die ganze Tür aus dem Rahmen und Leute in den gleichen roten Anzügen wie der Mann kamen herein. Sie fackelten nicht lange. Sie warfen ihre Äxte weg und zogen zwei lange Messer. Sie gingen direkt auf den Mann im roten Dress zu.
„Wir werden jetzt wie besprochen vorgehen“, sagte der seltsame Mann mit Namen Ludwig zu den Zwei. Seine Stimme schien sich verändert zu haben: Sie klang jetzt hohl und wie von weit entfernt- ein leichtes Echo war zu vernehmen.
„Wie gewünscht Herr! Also beginnt jetzt die Ausbildung des Auserwählten?“
„Und sie wird schon bald abgeschlossen sein. Er ist es, dass weiß ich jetzt. Also fangt an!“
Daraufhin stach einer von ihnen sein Messer tief in den Leib des seltsamen Mannes mit dem Smoking. Doch dieser verzog nicht das Gesicht- er lächelte. Sein weißes Hemd unter der Jacke färbte sich rot und Blut triefte auf den Boden. Aber der Kerl lächelte immer breiter! Er drehte sich in Richtung Tom. Hinter ihm war ein riesiger Blutspritzer an der Wand entstanden.
Das darf doch alles nicht wahr sein! Ich bin von Irren umgeben dachte Tom und stellte fest, dass er unfähig war, auch nur einen Muskel zu rühren.
„Kleiner, du stehst erst am Anfang! Wenn wir mit dir fertig sind, bist du wie ich!“ Er zeigte auf die beiden Eindringlinge. „Wenn wir fertig sind, bist du deren Meister. Du musst es nur richtig machen und mit Freude! Genieße deine Ausbildung! Und denke daran: Du bist Ausgewählt- anders als meine anderen Leute bist du höherwertig als sie, bist du mächtiger sogar als ich!“
Dann fiel er um und als er auf dem Boden aufkam, brach dieser allein durch sein Gewicht ein und das Zimmer schien von einem Sog gepackt zu werden. Es war ein regelrechter Sturm, der aus dem entstandenen Loch kam und an allem im Zimmer nagte, alles in die Tiefe reißen wollte. Die beiden Männer sahen Tom kurz an- dann sprangen sie direkt hinterher in diesen Schlund.
Der Raum war jetzt kein schöner friedlicher Ort mehr, es war jetzt ein Hort des Grauens. Tom war entsetzt. Wo war er bloß hingeraten? Der Stuhl, auf dem dieser Ludwig soeben noch gesessen hatte, wurde bereits gepackt und auf das Loch zugezogen. Doch es war zu klein für ihn. Einige Sekunden schien es, als würde der Stuhl das Loch verstopfen. Doch dann zerbarst er mit lautem Krach und die Stuhlbeine brachen unter der Belastung des Soges zusammen. Sofort wurden die Überreste eingesaugt wie von einem schwarzen Loch. Dies konnte doch gar nicht real sein! Es war alles wie in einem schlechten Film! Der Sog zerrte nun auch an ihm, doch er klammerte sich an das Bett fest. Und das Bett würde bestimmt nicht der seltsamen Kraft erliegen, die alles nach unten ziehen und verschlingen wollte. Aber dann spürte Tom plötzlich noch etwas, zusätzlich zu der saugenden Kraft: Es bebte. Der komische Boden erbebte! Immer kräftiger in regelmäßigen Stößen erzitterte er und man konnte das Holz laut knacken hören.
Es kam, wie es kommen musste. Nach einer halben Minute brach der Boden unter lautem knirschen und Krach auseinander und Tom stürzte ebenfalls in den tiefschwarzen Abgrund. Als er nach einem schier endlosen Fall aufschlug, durchfuhr in ein entsetzlicher Schmerz am ganzen Leib, als würden sämtliche Seiner Knochen auf einmal brechen. Zu allem Überfluss war er auch noch mit dem Kopf aufgekommen und hatte das Gefühl, sein Schädel wäre geplatzt und sein Hirn würde sich langsam über den Boden verteilen. Sein Körper schien sich zu verformen und auseinanderzubrechen. Nein, dies konnte kein Traum sein! Noch nie hatte er einen Traum, in dem er solche Schmerzen erlebte- er hatte eigentlich noch in keinem seiner Träume Schmerz empfunden. Noch dazu waren dies die grässlichsten Schmerzen, die er jemals verspürt hatte!
Tom sah vor seinem Inneren Auge alle seine Freunde und Bekannten- alle im roten Jackett! Er sah, wie sie alle von grauem Nebel verschlungen wurden und sie mit weißen Laborkitteln wieder hervorkamen. Ihre Gesichter wirkten jetzt ausdruckslos und hohl. Er nahm alles nur verwaschen war. Dann stumpften all seine Gefühle plötzlich ab, nur im Schädel blieben ein nagendes Pochen und brummen zurück.
Ich sterbe!, war sein letzter Gedanke, bevor ihn die Dunkelheit entgültig verschlang und er nichts mehr empfand- gar nichts!
„Verdammt nochmal warum hörst du eigentlich nie? Ich habe dir gesagt, Finger weg von den Pillen, die sind für die andren Patienten!“
Tom hörte die Worte, aber sie schienen aus dem Nichts zu kommen. Er konnte nichts sehen und fühlen und war sich auch nicht sicher, ob er stand lag oder saß, wo oben oder unten war. Aber eins wusste er: Man sprach mit ihm und war ziemlich sauer auf ihn. Die Stimme kam eindeutig nicht von diesem seltsamen Ludwig, das beruhigte ihn ein wenig. Doch sie stammte auch nicht von einem der Ärzte in dem Labor und das gefiel ihm schon weit weniger.
Er versuchte sich zu erinnern, was er zuletzt gemacht hatte. Doch es war alles verschleiert in seinem Geist. Schemenhaft sah er einen Raum in sich zusammenfallen und sich selbst hinterher in einen Abgrund, doch das schien ihm alles fern und surreal. Doch wie konnte er das, was er nun erlebte einstufen?
Er hörte wie eine Tür ging und Schritte näher kamen. Eine andere Stimme sprach:
„Boss, sollen wir ihn behandeln?“
„Er muss wieder klar werden, ja! Er hat schon zu lange diese Visionen!“
Kaum hatten die beiden ausgesprochen, spürte Tom etwas: Einen stechenden Schmerz am ganzen Körper- eisige Kälte! Er fing an sich zu verkrampfen und versuchte zu flüchten, rutschte aber aus und fiel hart auf die Schulter. Seine Augen wurden von einem eiskalten Wasserstrahl getroffen und aufgerissen. Das Wasser brannte in seinen Augen. Er wollte schreien und machte den Mund auf, da bekam er eine volle Ladung ins Gesicht. Er schluckte Wasser und hustete. Er rang nach Luft, bekam noch mehr Wasser in seine Lungen und es brannte wie Feuer in ihm. Doch die Männer, die ihm das antaten, schien das nicht im Geringsten zu interessieren. Schließlich, als er schon wieder drohte, ohnmächtig zu werden und zu ersticken, ließen sie von ihm ab.
Er hustete krampfhaft und ein Schwall Wasser ergoss sich aus ihm. Er hätte es keine Sekunde länger ausgehalten. Doch man ließ ihn nicht verschnaufen, behandelte ihn weiterhin wie ein Schlachttier. Unsanft packte man ihn, zog ihn hoch und er wurde einen Gange entlang geschupst. Nach einigen Metern verließen Tom bereits die Kräfte und er blieb stehen, zumal er immer noch nicht richtig sehen konnte.
Dies wurde allerdings sofort mit schmerzhaften Tritten seiner Peiniger bestraft. Sie wollten gar nicht mehr aufhören, es schien ihnen geradezu zu gefallen, wehrlose Menschen zu misshandeln.
„Geh weiter, Mistkerl!“, schrieen sie ihn an, doch traten so fest zu, dass gerade dies einfach unmöglich war. Tom wand sich unter ihren Schlägen und Tritten, ging zu Boden. Doch nicht einmal hier ließen sie von ihm ab, traten ihn immer wieder in die Seite. Gerade holte einer der Männer zu einem enormen Fußtritt mitten in Toms Gesicht aus, da schallte eine Autoritäre Stimme durch den Gang:
„Aufhören! Das reicht!“
Der am Boden liegende, zuckende und vor Schmerz wimmernde Tom, wurde nun von sehr kräftigen Händen aufgehoben und sanft weggetragen. Nach kurzem Transport legte man ihn auf einer weichen Unterlage ab und zog ihm behutsam wie einem Kind einen Bademantel an.
„Kannst du gehen?“, fragte der Mann, der ihn hergebracht hatte freundlich. Tom konnte immer noch nicht richtig sehen, da seine Augen nun von dem Wasser brannten. Aber an der Stimme des Mannes erkannte er, dass man ihm nichts mehr tun würde.
„Ich werde es versuchen“, gab er matt zurück. Der Mann stellte ihn sachte auf den Boden und führte ihn an der Hand in einen großen Raum mit vielen Leuten. Dort setzte er ihn auf einen gemütlichen Sessel und tropfte ihm etwas in die Augen. Sein Sichtfeld wurde sogleich klarer und er sah sich um. Die anderen in dem Raum trugen alle Bademäntel und schienen wie apathisch. Einige schrieen, andere saßen stumm da und wieder andere liefen immerzu lächelnd durch den Raum. Alle übrigen Leute hielten von ihm Abstand. Tom konnte sich all das nicht erklären.
Wo war er? Aber er glaubte, die Antwort schon längst zu wissen. Langsam kam die Erinnerung an das, was er vor kurzem erlebt hatte. War es wirklich das, was er vermutete? War er tatsächlich ein Irrer in einem Irrenheim, der in seinen Visionen und Wahnvorstellungen lebte? Konnte das denn sein, wo er doch ganz logisch und rational denken konnte? Er sah sich um: Der Raum war einfach nur typisch für eine solche anstallt: Untapezierte, nur weißbemalte Ziegelwände. Flackernde Neonlichter an der Decke und Wärter in weißen Kitteln.
Schon wieder diese Weißkittel, dachte er bei sich. Die anderen Patienten wagten sich nach wie vor nicht in seine Nähe. Sie schienen Angst vor ihm zu haben.
„Was ist mit euch? Warum habt ihr Angst vor mir?“, fragte er einen ängstlich schauenden Mann vor ihm.
„W...w...weil du der mit Abstand verrückteste von uns allen bist! B...bei dir weiß man nie, wann du wieder ausrastest oder eine deiner Visionen hast. Was bist du jetzt? Wieder der Massenmörder? Wieder ein verwirrter Kerl, der hier unbedingt rauswill? Wieder der Retter der Menschheit?“
„Ich....ich weiß nicht recht, was eigentlich los ist. Ich bin gerade erst aufgewacht und das erste, was man gemacht war, mich brutal zu misshandeln, bis mich ein Arzt weggeholt und hierher gebracht hat!“
„Kein Wunder, dass sie das mit dir gemacht haben, wenn du Spinner auch ständig unsre Medikamente schluckst! Wundert es dich dann, wenn du durchdrehst und die Wärter sauer werden?“
„Ich....ich weiß nicht wovon du redest. Noch vor 10 Minuten war ich in einem Zimmer mit so einem seltsamen Kerl...“
„Ach so, dann bist du mal wieder der Typ, der denkt, an einem wichtigen Experiment teilzunehmen! Mann, du bist echt krank!“, unterbrach ihn der Mann seufzend.
Da kam Tom alles wieder.
„Ja! Ja genau! Ich soll ein...“
„Schlafmittel testen, wir wissen es!“ ,unterbrach ihn ein anderer, älterer Mann im braunen Mantel und mit blauem Schlafanzug darunter. Er saß in der Ecke vor einem Fernseher und mit einer Tasse in den Händen.
„Junge, wenn du dir nicht immer die Pillen von uns klauen würdest, könntest du morgen hier raus sein- Idiot!“
„Wenn nennst du Idiot, Idiot? Am dümmsten ist immer der Dumme der andre Dumme für Dumm verkauft!“, mischte sich ein vorwitziger junger Mann ein, der herumlief, als gehöre ihm der Laden.
„Jedenfalls morde ich nicht sinnlos im Wahn!“, entgegnete der Alte muffig und blickte dabei Tom aus dunklen, hasserfüllten Augen an. Tom bekam jetzt richtig Angst. Was wollten ihm diese Verrückten hier andichten? Er war und würde doch nie ein Mörder sein!
„Ich habe noch NIE gemordet!“, fuhr Tom den alten vor dem Fernseher an und erwiderte jetzt den kalten Blick. So etwas konnte und wollte er sich einfach nicht gefallen lassen. Tom wollte nun nichts mehr von all dem hören. Er wollte nur raus aus diesem Raum, wollte hinaus aus dieser Anstallt und sehen, wie die Welt draußen aussah, wo er überhaupt war. Dann würde sich bestimmt alles aufklären, da war er sicher.
Natürlich wird es das, was denkst du denn? Bleib ganz ruhig.
Er würde einfach hier abhauen und versuchen, per Anhalter oder als Schwarzfahrer zurück in seine Heimatstadt zu kommen. Denn dass er sich nicht mehr dort befand, war ihm klar, seine Stadt hatte keine solche Anstallt.
Auf einmal setzte sich der hochnäsige Kerl zu ihm. Er war etwa so alt wie Tom, also um die 30. Mit starrem Blick und einem funkeln in den Augen lachte er ihn an, grinste förmlich.
„Hi Schlitzer!“, meinte er fröhlich
„Ich heiße Tom!“
„Ok Schlitzer. Schön, dass du wieder mal bei uns bist. Wenn du wieder total am Spinnen bist liegst ja tagelang nur zuckend in der Ecke. Ich glaube heute wird ein lustiger Tag. Bist gut aufgelegt?“
„Es ging mir schon besser!“, entgegnete Tom verbissen. Aber der Kerl redete einfach weiter.
„Ich wette, heute wird bestimmt ein lustiger Tag. Schon in Killerstimmung?“
Jetzt reichte es Tom. Blitzschnell packte er den frechen Typ an seinem Bademantel und zog ihn ganz nah an sich heran. Ihre beiden Stirne berührten sich leicht und Tom blies wütend seinen Atem auf das Gesicht des anderen. Mit düsteren Augen und sehr langsam und leise raunte er ihm zu:
„Jetzt pass mal auf, Freundchen: Ich weiß nicht, wo ich bin und wer mich hierher gebracht hat. Auch weiß ich nicht, was diese ganze Scheiße eigentlich soll, aber ich garantier dir dafür: Wenn du und die andren mich nicht sofort in Ruhe lassen, dann wird ich mal kurz etwas deutlicher!“
Doch obgleich dieser sehr bedrohlich wirkenden Situation schien auch das den nervigen Kerl nicht im geringsten zu stören und er fuhr einfach weiter fort, immer noch direkt in Toms Augen starrend:
„Schlitzer, genau das ist es, was ich gesagt habe! Heute gibt’s hier noch blutige Wände, da wett ich was! Enttäusch mich nicht, ich habe nämlich echt gewettet und wenn ich gewinn, teilen wir uns den Profit, 50 zu 50, ok?“
Innerhalb eines Augenblicks und ehe der Mann wusste, wie ihm geschah, hatte Tom ihn mit einem heftigen Stoß auf den kalten Boden gedonnert, ihn wieder hochgezogen und hielt nun seinen Kopf unter seinem Arm festgeklemmt. Langsam drückte er zu, so dass dem Typ die Luft wegblieb, was sich ganz deutlich an seinem rot anlaufendem Kopf bemerkbar machte. Er keuchte und stöhnte leicht, doch Tom drückte jetzt nur noch fester zu.
„So du kleiner Drecksack, das wolltest du doch, oder? Gut so, gefällt es dir? Ich hör dich nicht, gefällt es dir?“
Der Mann konnte nur fast nicht mehr reden, immer fester drückte Tom zu. Mit aller Kraft, die noch in ihm steckte, schüttelte er den Kopf. Aber das war ein Fehler.
„So, es gefällt dir also nicht?“, fragte Tom gespielt überrascht. „Nun, das klang aber vorhin ganz anders. Du wolltest doch blutige Wände, oder? Soll ich fester zudrücken?“
Aber Toms Opfer hatte keine Kraft mehr etwas zu erwidern. Langsam erschlafft sein Körper. Mit einem wütenden und verächtlichem Schnauben ließ Tom ihn aus seiner Umklammerung sinken und er fiel wie ein nasser Sack auf den Boden, wo er schwer atmend liegen blieb. Tom ging ganz nah an ihn heran und fuhr jetzt im Flüsterton fort:
„Das nächste Mal bekommst du da, was du von mir wolltest wirklich am eigenen Leib zu spüren, wenn du mir noch einmal so auf den Wecker fällst! Steck dir deine beschissene Wette sonst wohin!“
Tom ging jetzt zu seinem Sessel zurück und ließ sich missmutig und mit ungeheurer Wut im Bauch hineinsinken. Worüber er genau so wütend war, konnte er gar nicht sagen. Es waren tausend Sachen, die in ihm in der letzten Stunde, die er bewusst wahrgenommen hatte, den Zorn geschürt hatten.
Alle anderen Patienten hatten das Schauspiel mit wachsender Furcht beobachtet und waren von ihren Plätzen zur von außen verschlossenen Doppeltür des Raumes gegangen, wo sie nun standen und ihn ängstlich anguckten. Es war eine einfach unmögliche Situation: Tom, dem man einreden wollte, er sei Verrückt und gewalttätig, saß wie ein König auf seinem Sessel, ein zwei Meter vor ihm lag keuchend der vorlaute Kerl auf dem Boden und 10 Meter entfernt an der Tür kauerten zirka 15 weitere Patienten in Angst vor Tom.
Ist so etwas tatsächlich möglich? Bin ich ein gewalttätiger und verrückter Killer, der noch dazu ständig Phasen von Wahnvorstellungen durchlebt? Nein! Nein, das kann und will ich nicht glauben!
Langsam erhob sich jetzt der Mann auf dem Boden wieder und blickte Tom aus blutunterlaufenen, zornigen Augen an.
„Du willst es nicht glauben, stimmt’s ? Aber schau dich doch an, schau dich um: Du bist schon oft so ausgerastet und hast noch ganz andre Dinge getan und so wird es wieder sein. Bisher hast du dich nur noch nie so an einem Mitinsassen vergangen. Kapier es doch und sieh es einfach ein: Das, was du als dein Leben wähnst, ist alles nur Ausgeburt deines kranken Hirns! Ich zeig es dir.“
Der Mann ging, immer noch mit schwerem Atem und unter großer Anstrengung zu einem Tisch und nahm sich ein Buch, das darauf lag. Damit kam er zu Tom und gab es ihm. Als Tom es sich ansah, erkannte er, dass es sich um ein Fotoalbum handelte. Er klappte es auf. Aber schon nach wenigen Augenblicken machte er es entsetzt wieder zu. Das konnte, nein, das durfte nicht sein!
„Schau es dir an! Und zwar ALLE Bilder“, meinte der Mann jetzt bestimmt. Aller Hass war jetzt wie weggeblasen und es machte sich stattdessen ein Gefühl von Panik breit. Er schlug beklommen die erste Seite wieder auf. Dort abgebildet sah man als erstes ein Gruppenfoto von allen Patienten und dem Pflegepersonal. Es war der Tag der Heimeröffnung. Die meisten der Leute auf dem Bild kannte er nicht, doch das war egal. Ihn schockte nur das, was er unten links auf dem Bild erkennen konnte: In der untersten Reihe hatte man die Patienten angewiesen, sie sollen sich hinknien. Und der äußerste Mann von links war....er! Es war ganz eindeutig Toms Gesicht, dass da mehr oder weniger freundlich in die Kamera schaute!
„Das kann nicht sein! Ich erinnere mich nicht daran!“, schrie er schon fast hysterisch den Mann an.
„Wie auch, du vergisst ja alle paar Tage alles. Es dauert manchmal Wochen, bis du wieder ganz der alte bist. Dann bleibt das ne Weile so und dann geht’s wieder von vorn los. Deine bescheuerte Medikamentensucht macht das auch nicht besser, glaub mir! Schau auch die andren an, vielleicht kommt’s dir dann wieder, wer du bist und was du alles gemacht hast!“
Tom blätterte mit zunehmender Angst um. Aber was er jetzt sah, war zuviel. Er merkte, wie Übelkeit in ihm aufstieg. Alles war so voller Blut! Überall auf den Bildern! Gänge, der Aufenthaltsraum, alles! Und überall auf den Bildern sah man grauenhaft zugerichtete Wärter oder Ärzte und.....Tom machte das Buch zu und warf es im hohen Bogen in eine Ecke.
„ICH HABE DAS NICHT GETAN!“, schrie er aus vollem Hals und in seinen Augen sah man nackte Panik.
„Doch, du hast! DU bist es auf den Fotos, DU hast die Leute eiskalt umgelegt!“
„NEIN! NEIN! DAS IST EINE LÜGE!“
Tom sprang auf und rannte auf die Tür zu. Er wollte weg von diesem entsetzlichen Ort! Die Patienten, die ihn auf sich zukommen sahen, liefen entsetzt und mit wildem Geschrei davon.
Doch das Geschrei kriegten auch die Wärter mit und die fanden es jetzt an der Zeit, einzugreifen. In genau dem Moment, wo Tom sich mit all seiner angestauten Kraft gegen die Tür werfen wollte, in der Hoffnung, sie würde aus den Angeln springen oder das Schloss würde zerbrechen, wurde sie von außen aufgerissen und er krachte voll in die beiden Männer, die sie geöffnet hatten.
Die fanden das natürlich gar nicht lustig.
„Du schon wieder! War ja klar!“, riefen sie und ehe Tom überhaupt wusste, was gerade passiert war, hatte er auch schon einen Kräftigen schlag mit dem Gummiknüppel auf den Hinterkopf bekommen und ging benommen zu Boden.
Er erwachte jedoch schon nach kurzer Zeit wieder.
„Ok! Wo bin ich jetzt, wer bin ich jetzt?“, rief er laut. Er erstarrte fast, als er feststellte, dass er nach wie vor in der Irrenanstalt war. Die Wärter waren gekommen und hatten ihn isoliert. Er saß in einem Nebenzimmer des Aufenthaltsraumes, den er durch die Plexiglasscheibe sehen konnte. Vor ihm saß ein Doktor. Tom traute seinen Augen nicht und schon wieder ergriff Panik seinen Verstand: Vor ihm saß der Doktor aus der Firma Medotica, Doktor Tomack.
„Sie!“, brachte Tom hervor. Es klang mehr wie ein entsetztes keuchen
„Ja, ich.“
„Was suchen Sie hier?“
„Was für eine Frage? Seit 10 Jahren leite ich diese Anstallt!“
„Nein! Sie sind der Chef dieser komischen Firma für Medikamente!“
„Tom, das hatten wir doch alles schon tausendmal! Wird es ihnen nicht langsam langweilig? So können wir Sie nie entlassen!“
Tom verstand die Welt nicht mehr. In nicht einmal zwei Stunden wurde er aus seinem nicht gerade umwerfenden, aber geordnetem Leben hinausgestoßen und zur Hauptfigur in einem Horrorszenario gemacht. Die Welt, wie sie sich ihm nun präsentierte, konnte er nur mit einem Wort umschreiben: Wahnsinnig. Dabei konnte er bereits jetzt nicht mehr feststellen, ob nun er Wahnsinnig wäre oder alle anderen um ihn herum. Fast flehend wandte er sich jetzt an den Arzt:
„Bitte, Doktor! Ich weiß nicht mehr weiter! Ich lebe jetzt seit 30 Jahren und kann mich an mein gesamtes Leben erinnern! 30 Jahre Doktor! Die kann ich mir doch nicht einfach so zusammengesponnen haben!“
Da wurde der Arzt plötzlich sauer
„Himmel noch mal das ist jetzt das dritte Mal diesen Monat dass Sie mir mit dieser blöden Geschichte kommen! Ich habe echt keine Lust mehr! Verdammt noch mal, geht es nicht in ihren Schädel? Sie sind seit 10 Jahren hier drin und was davor war....“
„Ja? Was war davor?“, fragte Tom aufgeregt und auch etwas aufgebracht über die unfreundliche Reaktion von Tomack.
„Das ist schwer zu sagen. Das sollten Sie besser nicht erfahren. Immer, wenn ich es ihnen gesagt habe, sind Sie völlig ausgerastet. Für Sie sollte nur wichtig sein, dass sie jetzt hier sind. Und fangen Sie nicht ständig immer wieder und wieder davon an, dass geht mir echt auf den Geist! Dank ihnen bin ich hier!“
„Was soll das heißen?“
„Lassen wir’s endlich verdammt!“
In dem Gesicht des Arztes stand blanker Zorn auf Tom.
Tausend Gedanken jagten Tom durch den Kopf
Es KANN nicht sein! Ich lebe NICHT seit 10 Jahren hier drin und ich habe noch NIE jemand umgebracht!
„Lassen Sie mich hier raus! Ich will wissen wo ich bin und ich will es sehen, nicht erklärt bekommen! Ich will Beweise für die Richtigkeit von dem, was Sie sagen!“
„Sie sind nicht in der Lage, Forderungen zu stellen, mein Freund. Sie haben drei unserer Angestellte auf dem Gewissen. Kaltblütigst zu Grunde gerichtet, ohne Schuldgefühle! Stattdessen haben Sie sich an den Medikamenten anderer Patienten vergangen, weil ihnen diese Welt wohl nicht zugesagt hatte. Aber so einfach ist es nun mal nicht! Sie können nicht glauben, dass sie einfach eine Pille schlucken müssen, um in einer besseren Welt wieder aufzuwachen. Aber nein, Sie mussten es besser wissen. Und jetzt wundern Sie sich, dass sie dadurch ihrem ohnehin schon schwerkrankem Geist dadurch den Rest gegeben haben? Dass er sich in ihrem Wunschtraum eines besseren Lebens so hineingesteigert hat, dass Sie diesen jetzt nicht mehr von der Wirklichkeit trennen können? Sie wundern sich, warum sie Amnesie haben?“
„Lassen Sie mich hier raus!“, schrie Tom hysterisch, der Genug von diesen unheimlichen Geschichten über sein angebliches richtiges Leben hatte.
„Hören Sie sich doch an! Jemand wie Sie ist eine ernsthaft Bedrohung- und zwar für jedermann! Ich versuche ihnen zu helfen- und dafür können Sie mir dankbar sein.“
„Wie denn, verdammt, wie?“ Tom war am Ende, Panik, Angst, Verwirrtheit und Hass verbanden sich und er konnte nicht anders. Schluchzend vergrub er sein Gesicht in den Armen, die er auf den Schreibtisch vor ihm gelegt hatte.
„Beruhigen Sie sich bitte wieder! Verdammt, diesmal muss es echt ganz schlimm gewesen sein. Also hören Sie zu: Wir werden Sie isoliert halten von anderen Menschen. Irgendwann werden Sie lernen, dieses Leben hier zu akzeptieren. Und dann werden wir eine Therapie beginnen, die Sie langsam aber sicher wieder rehabilitiert.“
„Wann kann ich hier raus?“
„Bis die Therapie abgeschlossen ist, geht gar nichts. Die wird wohl zirka fünf Jahre gehen. Und ich bezweifle, dass Sie ihr Leben in naher Zukunft endlich akzeptieren. Rechnen Sie also ruhig mit guten weiteren zehn oder mehr Jahren.“
Plötzlich war der alte Zorn in Tom wieder da.
„Zehn oder mehr Jahre? Einzelhaft? Niemals!“
Er stürmte auf den Doktor zu und binnen eines Augenblickes hatte er ihn mit einem Tiefschlag K.O geschickt. Dann riss er die Tür zum Gang des Heims auf. Als ihn die Ärzte dort sahen, rannten sie panisch davon. Geschrei wurde laut und auf einmal ging der Feueralarm los.
Gut so Jungchen, du machst das hervorragend!
„Wer war das?“, fragte Tom in den nun menschenleeren Gang.
Führe deine Bestimmung zu Ende und werde der Retter des Systems!
„Wer redet da? Was wollen Sie?“
Tom hörte die Stimme. Nur konnte er sie nicht orten. Es war, als sei sie zeitgleich überall um und auch IN ihm. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor. Dann erinnerte er sich: Es war die hallende Stimme aus großer Entfernung und mit einem Echo behaftet. Dieser seltsame und unheimliche Ludwig hatte so gesprochen, kurz bevor man ihn auf eigenen Wunsch kaltblütig ermordete. Was ging hier nur vor? Diese Welt hätte er vielleicht irgendwann einmal akzeptieren können. Aber die Stimme Ludwigs erzeugte in ihm ein Gefühl, was er selbst nicht beschreiben konnte. Er war bis jetzt davon ausgegangen, das, was er in dem seltsamen Zimmer mit dem wabernden Boden erlebt hatte, sei nur pure Einbildung gewesen, durch was jetzt genau verursacht, darüber wollte nicht spekulieren. Aber jetzt schien es, als sei dieser Ludwig tatsächlich existent! Oder war er ebenfalls nur eine Ausgeburt seines kranken Hirns? Tom hielt es nicht mehr aus. Ihm war, als verliere er allmählich den Verstand. Er rannte wie panisch durch die Gänge und rüttelte an jeder Tür. Alle waren verschlossen. Da sah er an einer Tür ein großes Eisenschloss mit einer Kette befestigt. Darüber stand groß:
Ausgang- unbedingt gesichert halten.
Er rannte auf die Tür zu und entdeckte an der Wand einen Kasten mit einer Axt für Notfälle. Ihm war jetzt alles egal, er wollte nur noch raus aus diesem Heim. Mit einem gewaltigen Faustschlag donnerte er das Sicherheitsglas am Kasten ein und fischte die Axt aus den Splittern. Ohne auf seine dadurch blutig gewordene Hand zu achten, holte er zu einem gewaltigen Schlag aus. Mit aller Kraft die in ihm steckte schlug er in die Tür ein. Holzsplitter wirbelten durch die Luft und die Tür wies jetzt einen großen Riss auf. Er holte erneut aus und ließ die Axt wieder in die Tür krachen. Wieder und wieder und wieder. Er wollte die Tür so lange bearbeiten, bis nichts mehr da war, was ihn am Entkommen aus diesem unheimlichen Ort hinderte. Immer schneller und kräftiger schmetterte er das scharfe Teil in die Tür, konnte an nichts anderes mehr denken, als sie zu Mehl zu zerhacken.
Junge ich bin Stolz, du machst dich! lachte die unheimliche Stimme aus dem Nichts und trieb Tom an, noch ein Stück fester auf die Tür einzudreschen, bis er genügend demoliert hatte, um sie vollends mit dem Fuß einzutreten. Die Reste kippten aus den Angeln, fielen von ihm weg und landeten krachend. Aber nicht auf der Straße vor dem Heim, wie Tom erwartet hätte, nein. Sie landeten auf dem normalen Fußboden der Anstalt! Tom kam nicht nach draußen! Er konnte jetzt sehen, wohin die Tür geführt hatte. Es war nicht der Ausgang- soviel war sicher. Ungläubig und nun wirklich ernsthaft an seinem Geisteszustand zweifelnd stand Tom da und blickte in genau den Raum, von dem er herkam und der eigentlich hätte hinter ihm liegen müssen. Er stand wieder im Aufenthaltsraum, indem er schon von den Patienten und Ärzten erwartet wurde.
Das war absurd! Er schaute hinter sich: Da, wo vor zwei Minuten noch die hintere Tür des Aufenthaltsraumes war, befand sich jetzt genau die Tür, die er soeben völlig dem Erdboden gleichgemacht hatte! Und über dieser Tür, ganz am Ende des Ganges, war wieder das Ausgangsschild befestigt. Tom drehte sich wieder zu der von ihm zerstörten Tür um und schaute über sie nach dem Schild. Aber wie Tom schon fast geahnt hatte, war es nicht mehr da!
Die Leute im Raum vor ihm blickten ihn aufgebracht an- keine Spur mehr von Angst! Sie kamen alle langsam auf ihn zu mit starren Augen. Einer streckte seine Hand nach ihm aus. Tom hatte genug. Er wollte sich nicht wieder fesseln lassen.
„Bleibt mir vom Leib!“
„Legen Sie die Axt weg, Tom! Wir sind ihre Freunde und wollen ihnen helfen!“, meinte ein Arzt weiter hinten. Der Mann kam immer noch mit ausgestrecktem Arm auf ihn zu. Tom hielt das nicht mehr aus. Er fuchtelte mit der Axt wild um sich.
„Bleibt weg von mir, ich will eure Hilfe nicht! Ich will nur hier raus!“
Alle wichen vor ihm zurück, nur nicht der Mann direkt vor ihm. Er hatte nach wie vor den Arm nach ihm ausgestreckt. Er hatte Tom fast erreicht, da traf ihn die Axt. Sie schnitt innerhalb eines Sekundenbruchteils sauber durch den ausgesteckten Arm, der daraufhin blutspritzend zu Boden fiel.
Tom gefror das Blut in den Adern, als er den Arm dort liegen sah. Aus der Wunde des Mannes ergoss sich jetzt ebenfalls ein enormer Blutschwall.
Der Mann, den er gerade verstümmelt hatte schrie entsetzlich und es ging Tom durch alle Glieder. Jetzt konnte nichts mehr die aufgebrachte Mengehalten. Sie alle stürmten auf einmal auf ihn zu. Der Kerl, den er vor einer Viertelstunde ungefähr im Schwitzkasten hatte, packte ihn jetzt von hinten und drückte Tom die Kehle zu.
Sofort blieb diesem die Luft weg, er wollte schreien, doch der Griff um seinen Hals zog sich fester und fester. Immer mehr Leute, Heiminsassen, Ärzte und Wärter kamen jetzt dazu. Aber nicht, dass sie ihn aus dieser Situation befreit hätten, nein, sie hielten ihn ebenfalls an sämtlichen Gliedmaßen fest und nahmen ihm die Axt aus der Hand. Tom wäre sowieso nicht mehr in der Lage gewesen, sie zu benutzen, da er jetzt merkte, wie der Würgegriff des Kerls hinter ihm langsam aber sicher zur tödlichen Gefahr wurde. Auf einmal wurde sein Hals aber freigegeben und die Hände entfernten sich von ihm. Tom wollte gerade erschöpft aufatmen, da wurde er urplötzlich und mit äußerster Gewalt auf den kalten Boden geschleudert. Dort lag er benommen und konnte nur noch sehen, wie Doktor Tomack sich über ihn beugte und ihm mit einer Spritze irgend eine bräunliche Flüssigkeit in den Oberarm injizierte. Seine ohnehin schon angeschlagene Wahrnehmungsfähigkeit ließ sofort nochmals deutlich ab und wieder begannen alle Konturen um ihn zu einem Brei zu verschwimmen und es senkte sich erneute Finsternis um ihn.
Tom wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit dieser Spritze, doch das war ihm auch egal. Wichtig war nur, dass er deutlich spürte, wie seine Sinne zurückkehrten. Das gab ihm zumindest ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Bald würde er wenigstens wieder die Kontrolle über seinen Körper haben. Er erkannte sofort, dass er nicht mehr auf dem kalten Fußboden lag. Nein, man hatte ihn doch tatsächlich in ein sehr gemütliches Bett gebracht.
Er versuchte die Augen zu öffnen und zu seiner Überraschung war sein Sichtfeld sehr klar und deutlich. Doch was er sah ließ seinen Puls sofort wieder in die Höhe schnellen und er merkte, wie ihm der Schweiß aus sämtlichen Poren schoss.
Er war wieder in diesem kleinen Raum mit Stuhl und Bett, worin er lag. Aber nicht nur das. Die Wände waren Blutverschmiert und vor ihm stand wieder dieser seltsame Mann im roten Smoking- sein Hemd war nach wie vor blutrot von dem Einstich des Messers.
Tom entfuhr ein Schrei des Grauens bei dem Anblick und für einige Sekunden war er unfähig, zu sprechen, sah nur den Mann, sah die große Wunde und seine von Blut rot gefärbte Kleidung.
„Sie...Sie sind doch tot!“, entfuhr es Tom schließlich.
„Wie du siehst Junge, bin ich es nicht! Niemand ist wirklich tot, weil niemand wirklich jemals lebt!“
Das ist alles nicht wahr, sagte sich Tom immer wieder Das ist alles durch die Wirkung der Spritze, die ich gerade bekommen habe.
Tom hätte es jetzt am liebsten gehabt, wenn ihn die Spritze des Arztes getötet hätte. Jede Halluzination wäre ihm recht gewesen, nur nicht wieder das. Wieder dieser Kerl mit seinen irren Ansichten, seinem Verrückten und unheimlichen Gerede, dieser seltsame und nun wirklich entsetzlich aussehende Raum, der einem kalte Schauer über den Rücken jagen ließ- Tom zweifelte jetzt ernsthaft daran, dass er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Er glaubte genau zu spüren, dass er in Wirklichkeit im Irrenheim bewusstlos am Boden lag.
Der Mann musste Toms verzweifelten Gesichtsaudruck sehen, wusste Tom. Aber er ging gar nicht darauf ein und redete in der selben ruhigen Art wie immer. Seine Stimme klang wieder normal, aber bestimmt und eindringlich:
„Junge sag mir: Bist du real, bin ich es? War der Irre, den du gerade zum Krüppel gemacht hast real? Liegst du in deinem Bett, im Irrenheim, hier, im Versuchslabor oder seit Jahren unter der Erde?“
„Hören Sie auf! Lassen Sie mich in Ruhe! Ich bin nicht tot und sie sind nicht real!“
„Was? Warum solltest du noch leben? Du meinst, dies ist nicht die Wirklichkeit- nun, aber träumen tust du doch auch nicht- also MUSST du ja tot sein, oder?“
„Ich...ich weiß gar nichts mehr! Hören sie auf damit!“
„Wie? Und was soll aufhören? Das Leben? Der Tod?“
„Diese Wahnvorstellungen von mir!“
„Wenn ich eine Wahnvorstellung deinerseits bin, wie soll ich sie beenden? Soll ich dich töten, soll ich dich wiederbeleben?“
„Was...was ist mit den Männern, die ihnen ihre Messer....“ Tom wurde Übel, weil ihm die Erinnerung an das vor wenigen Stunden Geschehene wieder hochkam und das blutrote Hemd dieses Ludwigs verschlimmerte all das nur. Krampfhaft versuchte Tom sich zusammenzureißen, damit er sich nicht übergeben müsse, versuchte, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen.
„Was....was soll eigentlich das Gerede von der falschen Weltanschauung? Was soll das mit „es gibt keinen Tod und kein Leben“?“
„Du bist ein perfektes Beispiel: In dir steckt die Kraft, die Wahrheit zu sehen, doch du wurdest von dem System brav dazu erzogen, alles als gegeben hinzunehmen. Du akzeptierst alles, ohne darüber nachzudenken und machst alles, was man dir sagt- wie auch meine Männer. Du sollst aber so werden wie ich! Mehr noch- du sollst endlich die von mir begonnene Arbeit zu Ende führen! Aber zur Zeit bist du noch genauso kopf- und geistlos wie alle andren!“
„Das bin ich nicht, ich bin einfach nur am Ende mit meinen Nerven, können Sie das nicht verstehen? Überhaupt: Was mache ich hier? Ich rede mit einer Halluzination!“
„Junge, gerade WEIL du jetzt sehr verwirrt bist, kannst du die Kraft in dir Nutzen. Nur jetzt kann ich dir zeigen, dass du dich leichter von deiner Welt lösen kannst, als du glaubst, dass deine Welt nur ein Trugbild ist, um die Wahrheit zu verschleiern! Aber du musst werden wie ich, um das System zu retten!“
Wieder so ein seltsames Gerede, zuviel davon! Ich halt das einfach nicht mehr aus, dachte Tom bei sich. Was meinte dieser Kerl damit, dass Tom so werden sollte wie er? Wie war er denn überhaupt? Und warum musste ausgerechnet eine solche Flasche wie er, der im Leben das Glück nicht gerade gepachtet hatte, von diesem Mann durch sämtliche Höllen geschickt werden? Tom versuchte, sich zu konzentrieren. Auch wenn es ihm immer noch reichlich albern vorkam, versuchte er, Antworten aus diesem skurrilem Kerl zu quetschen.
„Wenn ich nicht weiß, wer Sie sind, kann ich nicht werden wie Sie! Also wer sind Sie überhaupt?“
„Ich? Ich bin lediglich derjenige, der dich auf dem rechten Weg hält!“
„Der „rechte“ Weg? Was soll das sein? Was gibt ihnen das Recht, mir zu sagen, welchen Weg ich im Leben einschlagen soll?“
„Ganz einfach: Wenn du nicht den einzig richtige Weg einschlägst, wirst du über kurz oder lang genauso Irre wie die restliche Menschheit und deine Kräfte wirst du dann niemals mehr entdecken können, selbst mit meiner Hilfe nicht mehr!“
„Das ist doch Schwachsinn! Die Menschheit ist nicht Irre! Wir sind alle höchst intelligent! Und was, wenn Sie nur versuchen mich zum Irren zu machen? Danach sieht es mir nämlich aus!“
„Die Menschheit soll intelligent sein? Wenn man dir von Geburt an gesagt hätte, die Welt ist flach- du würdest mich als wahnsinnig bezeichnen, würde ich sagen, sie sei rund. Ein Mensch allein kann intelligent sein- die Masse ist dumm, leichtgläubig, unberechenbar, kopflos, hinterhältig, unglaubwürdig und falsch. Sie lieben dich wenn du ihnen nützt und wenn du nicht das erfüllst, was sie von dir erwartet haben, lassen sie dich fallen. So war es immer und wird es immer sein, weil es so gewollt ist!“
Dieser Mann war wirklich verrückt, dachte Tom bei sich. Im einen Moment erzählt er noch, Tom sollte werden wie er und das „System“ retten, dann bezeichnete er aber die gesamte Menschheit mehr oder weniger als dumm und nutzlos. Aber wieso wollte er dann genau diese „nutzlosen“ Menschen retten?
„Tut mir leid, aber ich verstehe den Zusammenhang nicht ganz. Ehrlich gesagt ist mir das alles auch ziemlich egal. Ich will nur endlich wieder zurück in mein normales Leben!“
„Dein Leben soll normal sein? Hast du verdammter Idiot mir denn gar nicht zugehört? Hast du nichts verstanden?“
Der unheimliche Kerl war jetzt ganz nah an Tom herangetreten und schaute ihn aus sehr wütenden Augen an.
„Es scheint mir an der Zeit, dass ich dir wieder etwas zeigen muss! Du verstehst ja noch überhaupt nichts! Komm mit!“
Der komische Mann nahm Tom an der Hand und zog ihn unsanft aus dem Bett. Tom hatte Mühe, Schritt zu halten, als er durch das Zimmer hinausgeschleift wurde. Sie kamen auf einen Flur, der sich in beiden Richtungen endlos fortzusetzen schien. Doch Ludwig stapfte mit ihm an der Hand lediglich einige Meter weit den Gang entlang. Sie kamen an einigen Türen vorbei, auf denen seltsame Aufschriften waren, wie:
Welt der Verrückten
Welt des Geistes
Welt der Vereinigung
Und Welt der Verdeutlichung. Vor dieser Tür blieben sie kurz stehen.
„Wie du siehst, ist die Welt, in die wir jetzt gehen, genauso nur ein Trugbild, wie deine eigene Verrückte Welt oder alle anderen, in die du noch kommen wirst. Viele erfüllen Sinnvolle Aufgaben, wie diese oder die Welt der Vereinigung. Aber deine Welt ist anders. Wild und ganz bewusst kompliziert aufgebaut. Darin Ordnung hineinzubringen war immer mein Ziel. Doch mir fehlt nun mal etwas, was du hast. Und nun komm. Dann machte Ludwig die Tür vor ihnen auf und es bot sich ihnen ein sehr seltsames Bild: Es schien, als würden sie aus einem normalen Haus hinaus auf eine Belebte Straße blicken. Sie traten hinaus und augenblicklich fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss. Tom drehte sich um, wollte das Gebäude, in dem Sie waren, von außen sehen.
Doch sein Blick fiel auf etwas völlig unerwartetes. Das Haus, aus dem sie gekommen waren, war ein kleines, zweistöckiges Haus, ungefähr 30 Meter lang. Es reihte sich an andere Häuser dieser Machart und im Erdgeschoss befand sich ein kleines Geschäft.
Ludwig schien den ungläubigen Blick Toms bemerkt zu haben und bemerkte kalt:
„Was hast du erwartet? Es war nur ein Durchgang zu dieser Welt.“
Tom sah sich an, was das Geschäft eigentlich verkaufte. Und er musste, obgleich dieser sehr seltsamen und unheimlichen Situation etwas schmunzeln. Durch das Schaufenster neben der Tür sah er lauter schöne Smokings, der im Schaufenster war genau der, den auch Ludwig trug. Was das nun genau bedeutete, wusste Tom natürlich nicht und er hielt es auch für sehr unwichtig. Er drehte sich um und wollte sich diese Welt nun doch einmal genauer anschauen.
Draußen zogen dichte, grauschwarze Nebelwolken durch die Straßen, die Leute liefen in schwarzer Kleidung umher.
„Ist das nicht im Grunde dein normales Leben? Ein Leben in Dunkelheit und Monotonie? Begriffe wie „Nächstenliebe“ gibt es hier nicht. Wer liebt denn hier den anderen? Liebe spielt sich- wenn überhaupt- nur zwischen zwei Personen ab. Die Menschheit hasst sich- jeder ist nur auf seinen Vorteil aus und die andren sind ihm scheißegal!“
„Ich lebe nicht in dieser Welt!“, meinte Tom bestimmt. Nie war er in einer so düsteren Stadt gewesen, nie sah alles so trostlos aus.
„Doch! Was du hier siehst ist das nach außen gekehrte Innenleben deiner sogenannten „intelligenten“ Menschheit. Wie denkst du, habe ich diese Welt erschaffen können? Ich habe den Geist, dass innere von so vielen Menschen ausgehorcht und die Lebenseinstellungen von allen zusammengenommen. Der Durchschnitt daraus, der Spiegel deiner Welt, ist dies hier. Und jetzt sieh es dir gut an und sage mir: Wo bleibt die Individualität, wenn man von dem System zur Monotonie des Arbeitens und Geldverdienens verdammt ist? Aufgrund der Sucht nach Beliebtheit bei anderen, finden Hinterhältigkeit, Verachtung, Gehässigkeit und all das Einzug, was die Menschen zu unterbelichteten Tieren macht. Überall gilt das Motto: Alle für sich und gegen dich“
Tom fand, das ging zu weit. Er war bestimmt nicht so gehässig, wie dieser Mann die Menschen abtun wollte.
„Ich bin freundlich zu meinen Mitmenschen!“
„Wirklich? Und was war mit dem Irren, den du mal eben schnell von seinem Arm befreit hast? War das Nächstenliebe?“
„Ich war mit den Nerven fertig!“
„AUSREDE! Und nebenbei auch völlig unwichtig! Denn das sind doch ALLE! Schau dich um, los!“
Der seltsame Mann zeigte in die schlecht zu erkennende Menschenmenge. Er nahm Tom wieder bei der Hand und beide gingen nun durch die große Straße. Sie gingen langsam, doch alle anderen hetzen an ihnen vorbei, stießen sie an und schimpften, dass sie mit ihrem Schneckentempo den Weg verstopfen würden.
„Da siehst du es mein Junge. Hektik und Unfreundlichkeit, wohin man schaut!“
„In meiner Welt gibt es auch noch ein anderes Bild!“, protestierte Tom jetzt energisch. „Dort scheint auch mal die Sonne, Freunde gehen gemeinsam einkaufen und haben Spaß!“
„Oberflächlich!“, meinte Ludwig unter gespieltem Gähnen.
„Ist deren Leben gut und ausgefüllt? Das denken sie vielleicht, aber in Wirklichkeit ist es das eben nicht! Du gehörtest doch früher auch zu so einer Gruppe, oder?“
„Natürlich!“
„Und war es nicht so, dass man sich manchmal über andere lustig gemacht hat, aufgrund ihres Aussehens oder wie sie sich aufgeführt haben?“
„Ja, aber das war doch alles nur Spaß!“
„So! Dann ist das Leben wohl so schlecht, dass man nur dann Spaß hat, wenn man sich primitiv aufführt und andere Menschen schlecht macht! Wo bleibt da die Menschenwürde, gegenseitiger Respekt?“
Ludwig sah Tom jetzt tief in die Augen.
„Deine Welt ist vor allem eins: Scheinheilig! Man sagt bei euch ja auch, in jedem würde ein kleines Arschloch stecken. Nun und wenn man einen solchen Missstand akzeptieren kann, dass viele kleine Arschlöcher die Welt in einen riesen Haufen Scheiße verwandeln, dann kann ich ja wohl mit Recht sagen, dass deine Welt eigentlich Scheiße ist, oder?“
Dieser Kerl schafft mich noch!, dachte Tom bei sich.
„Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, eine so hochphilosophische Diskussion mit ihnen zu führen! Aber nur, damit Sie nicht denken, ich würde ihnen jetzt zustimmen: Ich bin ganz und gar nicht ihrer paranoiden Meinung! Nein, ich denke in der Menschheit steckt viel schlechtes, ja, aber auch viel Gutes, das dagegen ankämpft. Gut und schlecht halten sich nicht die Waage und es stimmt, dass wir oft eine Welt von vielen Schlechten und wenig guten Menschen sind, aber ich persönlich zähle mich zu den guten, denn ich bin nicht so, wie sie die Menschen dastehen lassen wollen!“
„Mag sein, Jungchen, aber du verstehst noch nicht: Es gibt kein gut oder böse! Das ist ein Irrglaube von euch! Das System wollte es so. Aber der Ursprung sah eine Welt vor, fern ab einer Teilung in gut oder böse. Es gab nur das eine, zentrale, nachdem sich alle ausrichten sollten“
„Und was soll das sein?“
„Das kannst du noch nicht begreifen. Aber du wirst es, versprochen! Heute ist es jedenfalls so, dass nicht nur deine Welt alles andere als gut ist, nein, ich muss sogar behaupten, mein Weg sei gut, sei der richtige. Aber nur vorerst, bis du endlich alles verstehst. Dann wirst du deine Welt wieder zurück zum Ursprung führen! Nur leider verhältst du dich noch nicht dem Standard entsprechend!“
Tom hatte jetzt langsam wirklich genug von all dem. Während sie geredet hatten, waren sie irgendwann stehen geblieben und Tom sah, dass alle Leute, die an ihnen vorbeihuschten, sie mit grimmigem Blick zu durchdringen schienen. Nein, dass war nicht der Spiegel seiner Welt, da konnte der Kerl sagen, was er wollte.
„Dem Standard entsprechend? Wer legt den Standard fest? Sie? Wer gibt ihnen das Recht dazu? Was mache ich ihrer Meinung nach falsch? Als ich vor vielleicht einer Stunde mit der Axt wie wild um mich schlug lobten Sie mich. Ist es das was Sie aus mir machen wollen? Einen geisteskranken Mörder?“
„Kommt drauf an was du unter geisteskrank verstehst. Ich finde diese ganzen Menschen viel geisteskranker als alle Irren der Welt zusammen. Denn in ihrem Geist ist nichts mehr- alles nur abgestumpft und wieder aufgefüllt mit eingehämmerten falschen Werten. Lernen um Geld zu verdienen um viel Geld zu sparen um besser zu sein als andere und möglichst reich dahinzuscheiden- oder alles in der letzten Woche auf den Kopf zu hauen bevor man das Zeitliche segnet. Ist das nicht, der Sinn eures Lebens?“
„Und wenn, deswegen muss man sie ja nicht gleich alle abschlachten!“
„Nein, aber erretten! Du tötest sie ja nicht, du erweckst sie erst zum leben!“
Jetzt hatte Tom entgültig genug!
„Verdammt, wenn ich jemand eine Kugel in den Kopf jage, ist er tot und damit fertig! Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Und selbst, wenn es das gäbe- dahin kommen dann alle, ob durch Mord oder einen ganz natürlichen Tod. Und jetzt ist für mich das Thema durch, OK? Ich hab keine Lust mehr! Bringen Sie mich zurück in meine Welt, egal, wie Sie sie finden. Mir reicht’s jetzt, ein für alle mal!“
„Ich sehe schon, du bist noch nicht bereit, deine Prüfung zu machen. Wir müssen fortfahren mit deiner Ausbildung. Du wirst jetzt in die tiefen deiner Psyche eintauchen und dich derer erwehren. Wir werden uns wiedersehen!“
Dann rannte der geheimnisvolle Mann los. Schon nach wenigen Sekunden war er vom Nebel verschluckt. Doch so leicht gab Tom nicht auf. Dieser Kerl hatte ihn hierher geholt und wollte ihn jetzt hier lassen, in dieser miesen, dunklen Welt? Nein, dass wollte er sich nicht gefallen lassen! Mit schnellen Schritten hechtete er dem Mann hinterher. Er sollte ihn wieder zurück bringen! Durch sein rotes Jackett stach Ludwig natürlich sehr gut aus der Menge heraus und es war für Tom ein leichtes, ihn einzuholen, da er körperlich zu sehr viel mehr Leistung im Stande war. Wütend packte Tom den Mann an seiner filzigen roten Jacke und zwang ihn so zum Stehen. Langsam drehte Ludwig den Kopf zu Tom.
„Bedenke immer: Real oder surreal- das hat keine Bedeutung! Sie zu, dass du wie ich gleich aus dieser Welt verschwindest! Am besten du setzt dir hier selbst ein Ende, dann dirigier ich dich weiter.“
Dann lief er wieder davon und rannte auf die Tür einer öffentlichen Toilette zu. Tom konnte nicht kapieren, was dass sollte und lief hinterher. Missmutig öffnete er die Tür und ihm stach ein beißender Geruch in die Nase. Zumindest diesen Geruch kannte er von seiner Welt und es war wirklich nicht der Beste. Aber in dem Raum war niemand. Tom schaute in jeder Kabine nach, suchte jeden Zentimeter des WCs ab. Doch außer ihm war niemand hier! Wie ging das nur vor sich? Wohin war Ludwig verschwunden? Und bald schon sollte er wieder mit ihm zu tun haben? Tom verstand nichts mehr!
Völlig verwirrt ging er wieder nach draußen in das hektische Chaos dieser Welt.
Also Tom, versuch dich zu konzentrieren. Nehmen wir an, diesen Ludwig gibt es tatsächlich und es stimmt was er sagt. Das bedeutet, dass du seit 30 Jahren in einer Welt lebst, die eigentlich völlig gegen das Verstößt, was Gott oder wer auch immer eigentlich mit den Menschen vorhatte. Selbst de Tod erlöst uns dann nicht davon. Wie und warum? Keine Ahnung verdammt, warum fragst du so einen Dreck überhaupt? Und jetzt bist du von Ludwig heimgesucht worden, weil du angeblich was hast, was er braucht. Ludwig, was ist das für ein Kerl? Er will die Menschheit aus ihrer Welt führen, dorthin, wo wir schon immer hätten sein sollen. Warum sind wir nicht da? Was weiß ich! Dieser Typ hat Welten erzeugt, die ihm helfen, seine Ziele zu verdeutlichen. Wie er das gemacht hat? Herrgott noch mal frag ihn halt!
Jetzt erst merkte Tom, wie er eigentlich seit mehr als einer Minute mit sich selbst redend die Straße entlang lief. Zumindest glaubte er jetzt, dass er so ziemlich alles verstanden hatte. Aber irgendwie wusste er insgeheim schon, dass dieser Zustand nicht von allzu langer Dauer sein würde.
„Geld her, Kumpel oder dein Hirn wird zum Kugellager!“, zischte ihn da plötzlich jemand von hinten an und Tom spürte etwas kaltes an seinem Hinterkopf. Auch wenn sein Herz jetzt so schnell zu schlagen begann, dass er Angst hatte, es könne zu flimmern beginnen und sein Kreislauf würde zusammenbrechen, nahm er all seinen Mut zusammen und drehte sich ruckartig um.
Dort erwartete ihn ein schmutziges Augenpaar, zwischen dem eine ungeputzte Nase prangerte, alles eingebetet in ein von narben durchzogenes Gesicht. Der Mund, der diese freundlichen Worte an ihn gerichtet hatte, stank wie wenn jemand hineingeschissen hätte war zu einem hämischen Grinsen verzogen. In der vor Dreck fast schwarzen Hand hielt der Mann einen Revolver. Gutes Model, 45mm und, entgegen Toms Erwartungen, blitzblank.
„Was ist, brauchst ne Einladung im Samtumschlag mit Schleifchen dran? Gib mit deine Kohle!“
Mit leicht zitternder Stimme, aber durchhaus bestimmt, entgegnete Tom:
„Nun, das tut mir ja leid, aber ich habe leider keines mit, denn ich lebe nicht in dieser Welt und werde wohl bald auch wieder von hier verschwinden!“
Der Mann schaute jetzt zwar etwas überrascht, doch sein hämisches grinsen blieb nie ganz aus. Schon nach einem kurzen Augenblick war es wieder voll da und der Kerl zog die Augenbrauen zusammen.
„Ja, das tut mir dann aber leid für dich Kumpel. Aber ich kann dich beruhigen: Du musst jetzt nicht mehr länger auf dieser Welt bleiben!“
Es war unglaublich! Unbeschreiblich und auch unmöglich! Tom spürte wieder etwas! Er spürte, wie er wieder atmen konnte, spürte wieder das Blut durch seine Adern rauschen. Schnell griff er sich an die Stirn. Das große Loch fehlte, ebenso am Hinterkopf, wo die Kugel wieder herausgekommen war und einen Teil seines Hirns mitgenommen hatte. Er war tatsächlich wieder am leben und- zumindest körperlich unversehrt. Wie es geistig um ihn Aussah, Tom wollte nicht einmal eine Sekunde darüber nachdenken. Auf jeden Fall konnte er eins mit Sicherheit sagen, so albern sich es auch anhörte: Der seltsame Mann hatte recht, er war in der falschen Spiegelwelt gestorben und nun wohl offensichtlich in einer anderen. Oder nicht? Er öffnete die Augen und stellte fest, dass er in seinem Haus war. Seiner kleinen Zweizimmerwohnung für die er höllisch Miete abdrücken musste! Tom konnte es einen Moment lang nicht glauben! Er hatte es geschafft. Draußen schien die Sonne und Kinder spielten im Hof. Er seufzte erleichtert und ging hinaus. Die Luft roch angenehm frisch. Bäume standen am Straßenrand, von Schutzgittern umzäunt. Alles war so, wie er es in Erinnerung hatte. Doch etwas trübte sein Bild. Der Mann sagte, er würde in seine eigene Psyche eintauchen, in einer Welt landen, die er geschaffen hätte. War dies jetzt also real oder nicht? Aber es musste einfach real sein, dachte Tom. Alles war haargenau so, wie es sein sollte. Und damit er sich selbst auch beweisen konnte, dass dieser Horror jetzt ein Ende hatte und er wieder da war, wo er hingehörte, wollte er an den Ort gehen, wo das Grauen seinen Anfang genommen hatte. Er bog am Ende der Hauptstraße Richtung Industriegebiet ab. Auf dem Weg dorthin kamen ihm sehr viele fröhliche Menschen entgegen. Viele Pärchen saßen auf Parkbänken, alte Leute fütterten Tauben und ein paar Jungs auf Fahrrädern machten sich einen Spaß daraus, sie zu verscheuchen. Es war einfach herrlich! Und schon bald war er an seinem Ziel angekommen. Er sah vor sich die bekannte Medizinfabrik Medotica. Er ging hinein und fragte an der Rezeption nach Dr. Tomack, dem Arzt, der ihn behandelt hatte.
„Es tut mir sehr leid mein Herr“, erwiderte die Empfangsdame, „aber ein Arzt dieses Namens ist bei uns nicht angestellt“.
Tom blieb ganz ruhig. Zwar war ihm dieselbe Dame noch vor vier Stunden mit der Höflichkeit eines Preisboxers begegnet und jetzt so zuvorkommend und nett wie eben Empfangsdamen sein sollten. Auch machte sie auf ihn den Eindruck, als hätte sie jetzt viel mehr Schminke im Gesicht und ein par Falten und graue Haare mehr als bei seinem letzten Besuch. Aber er hatte in den letzten Stunden genug ungewöhnliches gesehen, als dass ihn so eine Kleinigkeit noch stören würde.
„Ich bin die Versuchsperson für das neuartige Schlafmittel. Gestern oder ich weiß nicht wie lange es her ist, haben Sie mich deswegen in die Kantine geschickt und ich wurde dort von Doktor Tomack abgeholt und ins zweite Untergeschoss gebracht. Dort ist ja der große Versuchsraum.“
„Auch da irren sie sich. Die Versuchslabors sind in Stockwerk 3 und dort werden lediglich fertige Medikamente an alten Hunden und Katzen aus dem Tierheim geprüft- alles streng nach Vorschrift. Dort dürfen Sie allerdings als unbefugter gar nicht hinein. Ich weiß sowieso nicht, wie sie überhaupt auf die Idee kommen, wir würden menschliche Versuchspersonen benötigen- das machen wir schon seit mehr als 10 Jahren nicht mehr!“
Nun bekam es Tom langsam mit der Angst.
„Zeigen Sie mir das zweite Untergeschoss bitte!“
„Ich kann hier nicht weg, aber Sie können sich selbst überzeugen, wenn Sie möchten. Dort unten ist nur ein Verpackungslager.“
Tom lief mit steigendem Herzklopfen zum Fahrstuhl. Seit 10 Jahren keine Versuchsperson? War er nicht seit 10 Jahren in der Irrenanstalt? Was um alles in der Welt ging hier nur vor sich? Er drückte auf den Knopf am Fahrstuhl, der diesen holen sollte. Als nach einer Sekunde noch nichts geschah, hämmerte er wild auf der Taste herum.
„Komm schon, komm schon, Scheißding!“, fauchte er.
„Die gehen nicht mehr richtig, haben sie Geduld“, reif ihm die Dame vom 20 Meter entfernten Empfang zu. Tom erinnerte sich an das, was ihm Tomack über die Aufzüge sagte, als sie zu dem Versuchslabor gingen.
„Warum sollen die Dinger nicht gehen? Die sind doch ganz neu, denke ich!“, rief er zurück.
„Neu? Na ja, alt sind sie nicht, das stimmt. Aber fast 11 Jahre sind für mich eigentlich nicht mehr neu. Und die Technik da drin geht andauernd kaputt!“, kam die Antwort.
Tom stand leichtes entsetzten ins Gesicht geschrieben. Was dieser kurze Wortwechsel für ihn und sein Leben bedeutete, konnte er sich denken, doch wollte er es einfach noch nicht wahrhaben. Nach einer schier endlosen Zeit, gingen die Aufzugtüren endlich auf und er hechtete in die Kabine. Mit einer großen aufkommenden Panik fuhr er ins Untergeschoss.
Dort angekommen pochte ihm das Herz bis zum Hals. Seine Beine zitterten und er hatte das Gefühl, er könne jede Sekunde umfallen. Sein Atem stockte und Schweiß brach am ganzen Körper aus. Er konnte nur ungläubig auf das schauen, was sich ihm bot, als die Türen sich quietschend öffneten: Der selbe riesige Raum, aber nichts war so, wie er es erwartet hätte. Der dunkle graue Raum mit den Gitterboxen war einem völlig anders konstruiertem blau gestrichenen und gut ausgeleuchtetem Lager mit Regalen voll von Kartons gewichen. Jetzt wusste Tom wirklich nicht mehr, was real war und was nicht. Er starrte fassungslos in den Raum. Wut, Verzweiflung und Hass auf tausend Personen und nicht zuletzt sich selbst stiegen in ihm hoch und er begann zu schreien. Er rannte wie wild ins Treppenhaus, die zwei Stockwerke wieder hinauf und zum Empfang, die Dame dort sah in erschrocken an.
„Arbeitet hier jemals ein Doktor Tomack? War dort unten je ein Versuchsraum? Und habt ihr hier vor 10 Jahren ein neuartiges Schlafmittel an einem Menschen getestet, wobei der Versuch in die Hose gegangen ist?“, fragte er keuchend. Ihm stand die Angst ins Gesicht geschrieben und dadurch wurde es auch der Dame sehr mulmig.
Aber Tom brauchte eigentlich gar keine Antwort. Für ihn zeichnete sich alles langsam ab und er verdrängte Kurzzeitig einfach das Gerede Ludwigs über Realität und den ganzen Mist. Alles schien plötzlich einen Sinn zu ergeben! Es musste einfach so sein: Die Pille hatte ihn wohl geistig schwer geschädigt und der für ihn verantwortliche Arzt wurde aus der Firma entlassen. Tom wurde in ein Heim für Geisteskranke gegeben und der Medikamentkonzern stellte die groß angelegten Versuche im Keller ein und beschränkte sich seitdem auf einige wenige Versuche im dritten Stock.
„Ich muss Sie bitten, unser Gebäude sofort zu verlassen, sonst sehe ich mich gezwungen die Polizei zu rufen. Wir dulden keine Krawallmacher!“, meinte die Dame. Sie wirkte jetzt sehr streng und bestimmt. Aber das war ihm egal, er wollte Antworten!
„Ich mache keinen Krawall, ich BIN derjenige, an dem vor wahrscheinlich 10 Jahren herumgepfuscht wurde!“
Tom erkannte plötzlich Angst in den Augen der Frau. Er hatte das Gefühl, Sie wüsste sehr gut, wovon er redete und würde mit diesem Vorfall sehr schlimme Erinnerungen verbinden.
„Bitte...gehen Sie!“, meinte Sie in leisem Ton. Doch Tom konnte jetzt nicht. Nicht so kurz vor dem Ziel. Er senkte ebenfalls die Stimme und fuhr in mildem Ton fort:
„Was immer damals auch geschehen ist, ich weiß es nicht mehr. Ich möchte nur endlich die Wahrheit erfahren. Für mich ist es nicht einmal sechs Stunden her, seit ich die Pille gekriegt habe!“ Die Dame sah in ungläubig an.
„Sie wollen mir tatsächlich erzählen, Sie wissen nicht mehr, wie sie sich aufgeführt haben? Was Sie angerichtet haben? Sie waren völlig verwirrt, ja verrückt, kann man sagen. Man sagte, man würde Sie in ein Heim überweisen. Tomack flog, als die ganze Sache aufkam. Er war Psychologe und wurde als Strafe mit ihrem Fall betreut- Zeitlebens. Oder eben so lange, wie sie seine Hilfe bräuchten. Sind Sie denn geheilt?“
Tom konnte nicht antworten. Diese neuen Informationen waren gleichzeitig Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtungen, so wie die Zerstörung all seiner Hoffnungen, er wäre vielleicht doch nicht so verrückt, wie ihn alle glauben machen wollten.
„Es...es tut mir leid. Was ich auch getan habe, es tut mir leid. Ich...ich werde jetzt gehen.“
Mit schweren Schritten und weichen Knien ging er durch die Drehtür nach draußen. Dort erwarteten ihn der nächste Schock und jetzt gaben seine Beine entgültig nach und er landete auf dem harten Steinboden vor dem riesigen Konzerngebäude. An stelle des ruhigen Industrieviertels erwarteten ihn wieder die bekannten dunklen Nebenschwaden und vermummte Gestallten die keinen Blick für ihn und seine Probleme hatten.
Tom hätte laut schreien können, wenn er nur die Kraft dazu gehabt hätte. Aber er war restlos fertig und am Boden. Alles, was seinen Mund verließ, war ein leichtes Wimmern. Was war Wirklichkeit? Was nicht? Warum änderte sich alles um ihn herum? Warum änderte es sich selbst jetzt noch, wo doch gerade alles eine zwar Entsetzliche, aber zu ertragende Logik bekommen hatte. Wieso war jetzt wieder alles anders und der Sinn von allem wieder in ungreifbare Nähe entflohen? Konnte keine Stunde vergehen, bis wieder die ganze Welt total verändert war?
Sein ganzer Hass richtete sich auf diese dunklen Leute vor ihm. Sie mussten doch wissen, was hier gespielt wurde, sie lebten immerhin in dieser sich ständig veränderten Welt! Er ging auf einen dieser zu und packte ihn am schwarzen Kragen.
„Sag mir sofort was hier los ist, oder ich vergess mich!“
Der Mann, den er sich geschnappt hatte sah in mitleidig an.
„Mein Herr, Sie tun mir leid. Ich muss Sie höflich bitten, mich loszulassen. Wir wollen doch nicht die Ordnungshüter belästigen?“
Tom packte noch fester zu, schnürte dem Kerl die Luft ab.
„Denkst du ich mach Spaß? Ihr hattet euren mit mir, jetzt mach ich nicht mehr mit! Was läuft hier verdammt? Vor zehn Minuten noch war hier ein Industriegebiet mit Grünanlagen und die Sonne hat geschienen.“
„Junger Mann, ich weiß nicht was Sie meinen! Sie lassen mich jetzt sofort los! Ansonsten kriegen Sie nämlich gewaltigen Ärger! Ich glaube, sie wissen gar nicht, wen Sie hier so unsanft anpacken!“, meinte der dunkel Kerl jetzt unfreundlich, krächzte allerdings etwas.
Tom war es zuviel. Dieser Typ spielte sich als Boss auf und machte sich indirekt noch über Toms Probleme lustig! Der Hass in Tom steigerte sich zur Raserei! Dieser Mann schaute ihn wie einen Spinner an. Das konnte er sich doch nicht gefallen lassen! Er verpasste dem Mann mit dem Überheblich- herblassendem Blick einen ordentlichen Kinnhacken und der Typ ging stöhnen zu Boden. Doch Tom ließ nicht locker. Er packte ihn wieder und zog ihn hoch.
„Bitte.....lassen Sie mich! Ich gebe ihnen alles Geld was ich habe“, jammerte der fremde und kramte in seinem dunklen Anzug nach seiner Brieftasche. Doch Tom war viel zu wütend, um darauf einzugehen. Er schlug Sie ihm aus der Hand und sie landete einige Meter entfernt auf der dreckigen Straße.
„Erst den Überlegenen mimen und dann feige um Gnade winseln! Behalt dein blödes Geld es geht mir nicht darum! Ich will nur wissen, was hier läuft!“
„Was soll hier laufen? Nichts Herrgott! Sie überfallen mich und schlagen mich zusammen, das läuft hier!“, meinte der Fremde trotzig.
Tom hatte nie Nase voll. Er warf den Mann unsanft auf den Boden und versetzte ihm noch einen Tritt in die Seite.
Er schrie vor Schmerz laut auf, doch das kümmerte Tom nicht im geringsten. Früher hätte er so eine Tat aufs schärfste verurteilt doch in diesem Moment tat es ihm einfach gut, diesem eingebildeten Affen zu zeigen, wie wertlos er im Grunde war.
Plötzlich merkte er, dass der Nebel auf einmal verschwunden zu sein schien. Der Kerl am Boden rührte sich nicht mehr, hatte Farbe im Gesicht bekommen. Tom zweifelte daran, dass dies alles Wirklichkeit war. Er hasste sich für alles, was er tat. Er hatte diesen Mann höchstwahrscheinlich schwer verletzt, wenn er nicht bald versorgt wurde, würde er vielleicht sogar sterben. Warum? Doch nur, weil er selbst Realität nicht von Traum unterscheiden konnte und dafür andere verantwortlich gemacht hatte! Er hatte jetzt entgültig genug vom Leben! Wenn dieses in Zukunft darin bestehen sollte, dass er von Wahnvorstellung zu Wahnvorstellung sprang und die Realität nicht mal dann erkennen würde, wenn er einmal kurzzeitig dort war, wollte er nicht mehr leben. Er wollte dann lieber gar nichts mehr fühlen, als ständig diesem Horrortrip ausgeliefert zu sein. Missmutig stapfte er durch die dunklen Straßen. Er sah auf den Boden, wollte mit sich allein sein. Und das war er auch. Kein Ludwig, der mit hallender Stimme, die von überall herzukommen schien sprach, keine Patienten im Irrenhaus, keine Ärzte und keine Empfangsdame. Er ging einfach nur einsam durch die großen Straßen und dachte nach. Und je mehr er über seine jetzige Situation nachdachte, desto klarer wurde das Bild:
Er war verrückt!
Diese einfache Feststellung von so großen Ausmaßen wäre ihm noch vor wenigen stunden unmöglich gewesen. Aber jetzt war es nicht mehr als eine nüchterne Feststellung und er war sogar dankbar, dass er einer der Sorte Verrückter war, die wussten, dass sie nicht bei Verstand waren.
Nachdem er ungefähr eine Viertelstunde so durch die Straßen einer surrealen Welt gegangen war, fand er sich plötzlich am Rande der komischen Stadt wieder. Direkt vor ihm endete der kalte Steinboden in einer Senkrechten und perfekt rechtwinkligen Steinwand. Wie weit sich diese nach unten zog, konnte Tom nicht sagen, denn der immerwährende Nebel versperrte die Sicht auf alles, was mehr als zehn Meter entfernt war. Er stand jetzt genau am Rande dieser künstlichen Schlucht.
Er spielte mit dem Gedanken, nach Ludwig zu rufen. Zu fragen, was jetzt zu tun sei, was richtig oder falsch wäre. Aber er ließ es, denn langsam fand er es selbst idiotisch zu meinen, es gäbe in so einer Situation ein „richtig“ oder „falsch“. Würde er springen wäre er entweder tot oder wieder in einer neuen Welt, ob Wahnvorstellung oder nicht. Wenn er umkehren würde, wäre er entweder Zeitlebens in dieser Horrorwelt Ludwigs gefangen oder würde einmal eine Tür durchschreiten und die nächste Halluzination hätte ihn. Also gab es doch eigentlich letzten Endes kein Ausweg. Selbstmord ging nicht, das wusste er. Wenn schon einmal der Mord an ihm nicht den zu erwartenden Effekt gehabt hatte.
Tom atmete noch ein paar Mal durch und dann ließ er sich einfach fallen.
Es schien ihm fast, als würde er ewig fallen. Schon glaubte er, dies würde nun sein Schicksal sein, zum ewigen Fall verdammt, da tauchte urplötzlich vor ihm der Boden aus glattem ebenen Stein auf. Als er aufschlug hätte er eigentlich unsagbar große Schmerzen erwartet, doch er empfand seltsamerweise absolut nichts! Es war, wie wenn man in einem Traum so etwas erleben würde. Ja, es überkam ihn jetzt sogar eine enorme Müdigkeit. Er sah an sich herunter: Er hatte den Aufprall zwar nicht gespürt, aber spurlos war er dann doch nicht vorbeigegangen- zumindest nicht an seinem Körper. Seine Gliedmaßen waren verdreht, seltsam deformiert, wohl gebrochen. An einigen stellen hatte er ganz offensichtlich schwere Verletzungen erlitten, einige offenen Brücke zum Beispiel, wo er deutlich sehen konnte, wie seine Knochen aus der Haut hervorstanden und Blut aus den Wunden lief. Doch das kümmerte ihn alles nicht mehr. Er wollte nur noch die Augen zumachen und entspannen. Und in genau dieser seltsamen Situation wurde ihm etwas bewusst und es war sein letzter Gedanke, bevor die Müdigkeit überhand nahm:
Ich schlafe gerade und habe das hier nur geträumt!
„He Kumpel, bist wieder da?“
Tom machte die Augen auf. Nein, das durfte nicht wahr sein! Das konnte doch gar nicht sein! Er hätte mit vielem gerechnet, dem Zimmer mit Ludwig, seinem Haus, dem Untergeschoss im Medoticakonzern oder einfach ewiger Dunkelheit. Aber doch nicht DAS!
Er stütze sich mit müden Händen an der Sessellehne ab, rieb sich die Augen und kuschelte sich wieder in seinen Bademantel.
Eigentlich ja ganz recht so. Wenn ich schon irre bin, dann will ich auch nicht mehr arbeiten müssen
Der Mann, den er vor wenigen Stunden noch um seinen Arm beraubt hatte, stand vor ihm- aber mit beiden armen, die er vor der Brust verschränkt hatte. War all das etwa gar nicht wirklich geschehen? Tom wollte nicht schon wieder von diesen dämlichen Wärtern mit kaltem Wasser misshandelt werden, wollte keine Spritzen mehr und keine Pillen. Er wollte einfach nur seine Ruhe und sich über all das keine Gedanken mehr machen. Hier würde er jetzt bleiben, wenn es ihm gefiel.
Langsam aber sicher wurde er munter und erhob sich.
„Das mir keiner auf diesen Sessel sitzt, das ist meiner!“, verkündete er und marschierte elegant in seinem roten Mantel durch den Raum. Als er an der Plexiglasscheibe angekommen war, klopfte er leicht dagegen, so dass Doktor Tomack aufhorchte. Freundlich lächelte Tom ihm zu und gab ihm zu verstehen, dass er gerne mit dem Arzt reden würde. Dieser nickte und ging aus seinem Zimmer. Kurze Zeit später öffnete sich die Doppeltür des Aufenthaltsraumes und Tomack trat ein.
„Morgen, Tom“
„Guten Morgen Doktor. Ich wollte mit ihnen reden.“
„Sie wirken so friedlich heute. Ist das ein Zeichen für Besserung?“
„Eher ein Zeichen, dass ich jetzt akzeptiere, was unübersehbar ist.“
Der Doktor sah Tom an und schien es erst nicht glauben zu wollen. Dann lächelte er zufrieden und seufzte.
„Gott sei Dank, endlich! Nach 5 Jahren werden Sie endlich vernünftig!“
Tom riss die Augen auf. Nicht schon wieder! Das durfte nicht sein! Wieder war alles, was er als für sein Leben hielt von ihm weggerissen und ins Klo gespült worden! Wieder kamen tausend Fragen in ihm auf. Wie wahnsinnig konnte ein Mensch denn noch werden?“
„Doktor, sagen Sie mir bitte, dass ich seit 10 Jahren hier drin bin!“, meinte er fast flehend.
„Kann ich machen, aber es wäre eine Lüge. Es sind fünf Jahre, Tom.“
„Das...das ist doch nicht wahr! Und ich hatte auch nie eine Vision, in der ich glaubte, schon 10 Jahre hier zu sein?“
„Nein, Tom. Immer nur die alte Leier. Sie können einfach nie den Unterschied zwischen Realität und Traum erkennen!“
„Dann sagen Sie mir, ob ich es auch nur geträumt habe, dass ich vor fünf Jahren an einem Experiment in der Firma Medotica teilgenommen habe und Sie der leitende Arzt waren!“
Der Arzt sah Tom fassungslos aus großen Augen an, als hätte er gerade eine Pistole auf ihn abgefeuert. Langsam und immer noch etwas sprachlos begann er:
„Das....Das ist das erste Mal, dass Sie davon reden! Das Sie sich daran erinnern! Ja, es stimmt! Deswegen sind Sie und ich jetzt hier!“
„Schön und gut Doktorchen, aber es gibt da noch ein Problem: Ich bin mir absolut sicher, dass das Medikament verdammt mehr mit mir angestellt hat, als meinen Geist zu verwirren. So blöd sich das auch anhören mag, aber ich schwöre, DAS habe ich nicht geträumt: Vor einigen Stunden war ich schon mal hier. Aber da waren über 10 Jahre vergangen. Und dann war ich auf einmal wieder in meiner Heimatstadt, bin zu Medotica gegangen und- es waren auch über 10 Jahre seit dem Experiment vergangen!“
Der Arzt schaute jetzt etwas betrübt drein.
„Sie glauben mir nicht, oder?“
„Wie könnte ich? Es ist ja auch schwer zu glauben, dass Sie durch die kleine Pille eine art geistiger Zeitreisender geworden sind!“
So sehr es Tom auch wurmte, dass man ihm mal wieder nicht glaubte, der Begriff gefiel ihm.
Guten Tag, ich bin Tom Hiller, von Beruf geistiger Zeitreisender
„Ich weiß, dass es sich völlig Verrückt anhört“, fuhr er mit fester Stimme fort,
„aber ich könnte ihnen sagen, welche Farbe die Eingangshallenwände der Firma in fünf Jahren haben werden. Sie könnten es sich notieren und dann nachprüfen! Ganz nebenbei ist für mich seit Schlucken der Pille nicht einmal ein Tag vergangen!“
„Unmöglich! Sie fallen zwar sehr oft in ihre Wahnzustände, aber sie sind auch sehr oft bei klarem Verstand!“
„Ich sage es ihnen: Nach dem Schlucken des Dings war ich zuerst in diesem Raum, fünf Jahre von jetzt an gerechnet. Dann war ich bei mir zu Hause, wohl nicht mal ein Jahr später. Ich weiß nicht mal, was ich getan habe, als ich im Labor wieder zu mir kam, vielleicht kommt das noch.“
„Das ist Schwachsinn, so leid es mir tut. Ich kann es mir nur so erklären, dass ihr Hirn das Geschehene einfach verdrängt oder falsch verarbeitet hat. Reden wir nicht mehr davon, OK? Akzeptieren Sie ihr Leben, wie es ist.“
„Habe ich schon jemals jemanden getötet?“, fragte Tom auf einmal, dem wieder eingefallen war, welche Taten man ihm anlastete.
„Um Gottes Willen, nein! Warum sollten Sie?“
„Weiß nicht, Sie sagten, ich hätte drei Angestellte auf dem Gewissen.“
Man sah Tomack an, dass er sich nun nicht mehr ganz sicher fühlte mit Tom direkt vor sich.
„Hören Sie, Tom: Es tut mir leid, was wir getan haben. Ich nehme es ihnen nicht übel, dass Sie das, was Sie taten, als Sie wiedererwachten, verdrängt haben, ich hätte es bestimmt auch. Aber selbst, wenn ihre utopische Geschichte nur zur Hälfte wahr sein sollte- Sie wüssten ja, wie die Zukunft aussieht, Sie müssen nicht so handeln!“
„Das ist doch mein Problem: In einer stunde bin ich vielleicht 20 Jahre in der Zukunft, was dann?“
Tomack gab es auf. Er hatte sich Erfolg versprochen und nun war er mehr oder weniger so weit wie vorher.
„Ruhen Sie sich aus. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass Sie nicht verstört umherrennen. Versuchen Sie, diesen Zustand aufrechtzuerhalten. Dann werden Sie auch irgendwann wieder ein normales Leben führen können.
Damit verließ ihn der Arzt und Tom ging schwermütig wieder zu seinem Sessel zurück und ließ sich hineinfallen. Er sah sich um: Der gleiche Raum, aber tatsächlich viele neue Gesichter. Oder besser alte? Der Kerl, dem er in fünf Jahren die Hand abhacken würde, stand immer noch nahe bei ihm und er wollte einen Versuch wagen.
„Was ist mit deinem Arm- hat es sehr weh getan?“
„Was redest du da Bruder? Meine Arme sind in bester Ordnung!“
„Nenn mich nicht Bruder, ich bin es nicht!“
„Doch, ich bin wie du und du wie ich! Du bist doch auch auf der Suche nach Realität und findest die Menschen da draußen sind es nicht wert in ihr zu leben. Sie müssen erst errettet werden, bevor sie zu uns zurückdürfen- zu uns den einzig normalen Menschen! Das willst du doch oder? Die Welt erretten!“
„Ich....woher weißt du das eigentlich? Du gehörst zu denen, oder?“
„Zu wem? Ich gehöre zu mir!“
Tom empfand schon wieder aufkommenden Hass in sich, der ihn überflutete und ihm die Sinne raubte. Dieser Kerl war auch in diese ganze Sache verwickelt. Wie die dunkel gekleideten Leute auf der Straße. Sie alle wollten von ihm die Errettung der Welt.
„Verschwinde! Hau ab und lass mich in Ruhe! Ich mach bei eurem Scheißplan nicht mit! Sucht euch einen andren, den ihr zum Psychokiller machen könnt!“
Der Kerl, der mehr zu wissen schien, als die anderen hier und irgendwie eine Beziehung zu diesem Ludwig hatte- der doch eigentlich gar nicht existent hätte sein dürfen, blieb hartnäckig.
„Wohin willst du eigentlich? Nach draußen zu den andren Leuten? Sind die besser als ich? Schlechter? Was willst du?“
Tom spürte jetzt richtigen Zorn in sich. Und zwar auf Ludwig und seine ganze verdammte Bande.
„Ich wird dir sagen was ich will: Ich will, dass die Zeit für mich so läuft, wie für alle andren auch. Ich will verdammt noch mal wissen, ob dieser Ludwig existiert, oder nicht. Und tu nicht so, als wüsstest du nicht, wovon ich rede! Ich will wieder in mein normales Leben zurück!“
„Ist dein „normales“ Leben etwa besser als dieses? Wenn du lernen würdest, die Kraft, die dir gegeben wurde zu nutzen, würdest du dein altes Leben verachten!“
Tom hielt es nicht mehr aus. Er war wieder an dem Punkt angelangt, wo er eigentlich nicht hinwollte: Er verspürte wieder den drang, fortzulaufen. Vor wem oder was und wohin, dass wusste er immer noch nicht. Er rannte auf die Tür zu, die den Raum mit dem Rest des Gebäudes verband und rüttelte an der Klinke. Es war nicht abgeschlossen. Schnell rannte er hinaus auf den Gang. Dort sahen ihn andere Patienten teils verängstigt, teils überrascht über sein plötzliches Auftreten an.
Scheiß auf alles, ich breche hier aus!
„Wer mitkommen will, der folgt mir, ich breche hier aus und gehe in die Freiheit!“, rief er lautstark in den Gang.
Die Leute zögerten.
„Habt ihr nicht gehört? Wir verschwinden von hier und stellen uns dieser miesen Welt. Wir lassen uns nicht mehr hier einsperren! Ich will wissen, ob die Welt da draußen real ist oder nicht, will Antworten auf meine Fragen. Ihr habt doch sicher auch viele Fragen. Da draußen gibt es Antworten, da bin ich sicher! Wer kommt jetzt mit?“
Einige kamen unsicher, andere verstanden gar nicht, was er von ihnen wollte und blieben stumm stehen. Ein Pfleger kam aus dem Verwaltungsbüro nahe des Ausgangs.
„Du schon wieder! Bleib stehen, sonst gibt’s Ärger! Du bist bald so nervig, dass wir bei dir kalte Duschen anwenden müssen. Das willst du doch nicht, oder? Also geh wieder zurück und Penn in deinem Sessel!“, rief er Tom wütend entgegen.
In Tom stieg grenzenloser Hass auf. Diese Kerle waren alle gleich. Sie behandelten alle Menschen hier wie Dreck! Diese Kerle hatten doch alle gar nicht das Recht, als Menschen bezeichnet zu werden, wenn sie alle übrigen Vertreter ihrer Rasse mit Füßen traten!
„Du verdammter Penner, lass mich hier raus!“, stieß er grollend hervor.
Er wollte sich nicht mehr von solchen Leuten kontrollieren lassen- von gar niemand mehr. Er war sein eigener Herr!
„Du kleiner Pisser hast mir gar nichts zu befehlen. Ich bin hier der Boss und du machst, was ich sage, klar?“, schrie der Pfleger ihn an. Langsam kam er auf Tom zu und holte zu einem kräftigen Schlag aus. Doch Tom zog die Augenbrauen herunter und in seinen Augen blitze eine Mischung aus Hass und Wahnsinn. Noch während die Hand des Pflegers auf sein Gesicht zufuhr, packte Tom sie mit seiner linken Hand und drückte mit einer Urgewalt, die er nie bei sich vermutet hätte, zu.
„Du wirst mir nie wieder etwas befehlen!“, brüllte er den Pfleger an, der jetzt ein sehr schmerzverzerrtes Gesicht machte.
„Du Penner, hör auf, sonst hol ich meinen Elektroschocker und drück ihn dir so lange an den Schädel, bis dein Hirn als Suppe aus der Nase trieft!“, rief der Pfleger unter lautem Gestöhne.
Doch für Tom war spätestens jetzt das Fass entgültig übergelaufen und es überkam ihn blinder Wahn.
Er drehte sich zu einem der Leute an, die ihm folgen wollten.
„Bringt mir die Feueraxt aus dem Kasten.“, reif er in Hasserfülltem Ton.
Die Leute kuschten leicht verängstigt aufgrund der Situation und einer holte die Axt und hielt sie ihm hin. Tom schnappte Sie blitzschnell mit der rechten Hand und hielt sie dem Pfleger unter die Nase.
„Wirst du dann also meiner Nummer Eins sein, ja?“
„Was redest du, verdammt?“, krächzte der Mann
„wirst du mich jetzt gehen lassen oder muss ich wirklich mehr als deutlich werden?“
„Verpiss dich du Arsch!“
Tom konnte es nicht verstehen. Ein so unvernünftiger Mann! Er hatte ihm doch noch eine Chance gegeben. Dieser Kerl wollte es anscheinend so.
„Junge, du bist wirklich unbelehrbar. Aber ich versichere dir, du wirst nie wieder jemanden misshandeln- nie wieder wirst du jemand......!“
Tom holte aus. Einen kurzen Monet war sein Hirn in einem ungeheuren Zwiespalt. Sollte er tun, wenn ja, warum? Und wenn er es nicht tat, was würde geschehen? Aber Tom entschied, dass es einfach sein musste!
Mit voller Wucht ließ er das Schwere Werkzeug niederkrachen und spaltete aufgrund der Stellung, in der er den Mann gehoben hatte, seinen Schädel in zwei Teile. Die Augen des Pflegers schienen aus den Höhlen zu springen und er verdrehte sie, bis man nur noch das weiße sah, dass darauf aber sofort von Blut unterlaufen wurde, bis die sie fast gänzlich rötlich gefärbt waren. Er keuchte, hustete leicht, spuckte Blut. Ein leichtes schniefen nur- und ein weiterer Schwall Blut ergoss sich aus seiner Nase, lief über seine hellblaue Arbeitskleidung, die der eines Arztes glich. Der Körper spannte sich und bäumte sich auf. Dann erschlaffte er urplötzlich und hing förmlich an der Axt in seinem Schädel. Tom zog diese wieder heraus und ließ die Leiche auf den Boden fallen.
„.....als Arsch beschimpfen!“, brachte er den vor der Bluttat angefangenen Satz zu Ende, als sei nichts besonderes geschehen.
„Du wolltest nicht hören. Jetzt wirst du mir auf jeden Fall nie wieder etwas befehlen können! Die anderen von deiner Sorte werden dein Schicksal teilen, wenn sie mich nicht endlich in Ruhe lassen!“, rief er und rannte an der Leiche vorbei Richtung Ausgang. Diesmal war die Tür nicht verschlossen. Tom wollte sich schon freuen, öffnete sie und....stand draußen in dem altbekannten Dunst voll von huschenden Menschen in dunklen Anzügen.
„Ich will Freiheit! Ich will Realität!“, schrie er in die Menge, die ihn verwirrt und erschrocken anstarrte. Alles schien zum erliegen gekommen zu sein. Alle standen jetzt da und sahen ihn an. Hinter ihm, die Tür war ja noch offen, konnten Sie- wohl zum ersten Mal in ihrem Leben- in eine andere Welt schauen.
Wie sieht das jetzt aus? Wahrscheinlich sehen Sie jetzt gerade die Tür eines Toilettenhäuschens, durch die man in ein Irrenhaus kommt
Einige Frauen schrieen entsetzt, als sie durch die offene Anstaltstür die Leiche des Pflegers im Gang liegen sahen.
„Er hat ihn umgebracht!“, rief eine.
„Kranker Mörder!“, schrieen andere Männer, die zu den Frauen geeilt waren, um sie zu stützen, da ihnen die Beine schwach wurden.
„Heuchler! Helft ihnen nur- nachher im Büro könnt ihr wieder Geld scheffeln und eure Karriere vorantreiben- da geht ihr doch auch über Leichen! Warum helft ich ihnen? Macht mir nichts vor- niemand macht etwas, wenn er sich keinen Profit davon verspricht!“, rief Tom wie ein Prediger in die größer und größer werdende Menge.
„Dieser Mann hinter mir war genau wie ihr: Gefühlskalt und schöntuerisch, brutal und falsch, hinterhältig und undankbar. Was habt ihr aus dieser Welt gemacht? Früher lebten wir friedlich in Freiheit, heute sperren wir uns in Verhaltensmuster ein und nutzen uns gegenseitig aus. Wo ist die Realität hin verdammt?“
„Guter Mann, dies IST die Realität!“, redete eine ältere Frau sanft auf ihn ein. Damit hatte Tom nicht gerechnet. Er war felsenfest der Meinung gewesen, genau zu wissen, wie die Leute reagieren würden. Er meinte, sie würden ihn alle beschimpfen, sein Gerede als wirr abtun. Doch diese alte Frau, wohl anfang oder mitte 60, so schätzte er auf den ersten Blick, redete mit ihm so, wie mit jemand, der sie nach dem Weg gefragt hatte. Dieser Sanftheit konnte sich Tom nicht entziehen. Seine Anspannung ließ nach und er fuhr ruhig an die Frau gewandt fort:
„Nein, ich muss Sie enttäuschen. Das ist alles nicht real. Die Realität ist ein wunderschöner Ort, wo Menschen noch Menschen sind. Ich kann mich jetzt umbringen und werde wieder wo anders aufwachen. Ich kann jeden hier töten- er wird nicht ins Paradies kommen. Ich weiß nicht warum, aber es ist so. Diese Welt wurde von jemand erschaffen, den ich erst seit einem Tag kenne- oder ist nur Ausgeburt meines kranken Hirns. “
„Wenn sie jemand töten, ist er tot. Das ist meine Ansicht.“, meinte die Dame bestimmt.
„Und wie kommt es dann das ich mich selbst erst vor nicht mal 30 Minuten getötet habe und jetzt hier bin?“
„Woher wollen Sie wissen, ob Sie jetzt nicht doch endlich in ihrer Realität sind?“
„Ganz einfach: In der Realität, der einzigen und richtigen, ist die Menschheit nicht Geisel ihrer selbst sondern errettet.“
„Was meinen Sie damit?“
Das war wirklich eine gute Frage, fand Tom. Was war eigentlich eine errettete Menschheit? Wohin kamen die Menschen, nach der Errettung? Er versuchte, der Frau zumindest das zu vermitteln, was er bisher von diesem Ludwig gehört und auch verstanden hatte.
„Es ist kompliziert. Wenn dies hier nicht meinem Hirn entspringt, dann weiß ich, dass diese Welt hier nur dazu dient, all das Elend meiner Welt herauszustellen. Das, was sie hinter mir sehen, ist meine Welt. Aber ich kann nicht in ihr leben, nicht so, wie man normalerweise darin lebt. Warum, weiß ich nicht. Ursprünglich sollte eine Welt erschaffen werden, in der Worte wie „real“, „gut“ oder „böse“ nicht existieren. Es sollten nur die Freiheit und die Liebe untereinander zählen.“
„Tut mir leid junger Mann aber das verstehe ich nicht.“
„Das können Sie auch nicht! Sie wurden ja noch nicht errettet!“
In dem Moment trat ein Mann, etwa so alt wie Tom hinter die Dame und meinte zu ihr gewandt und deutlich laut:
„Geben Sie sich doch nicht mit diesem Irren und seinen kranken verwirrten Gedanken ab. Sein Geist ist gestört!“
Das war doch die Höhe! Dieser Kerl redete mit ihm, als ob er Luft wäre- dabei stand Tom direkt vor diesem dicken Mann, dessen Hemd schon unter dem Anzug hervorquoll. Der alte Zorn kehrte in Toms Geist zurück.
„He Du! Du alter Festsack! Tu nicht so als wär ich bescheuert! Ich versteh jedes Wort! Und ich hasse es auf den Tod wenn jemand in meiner Anwesenheit über mich redet, als wäre ich gar nicht da!“
Der Mann lächelte ihn mit einem Blick an, der eine Mischung aus Mitleid und Geringschätzung enthielt. Sehr viel Geringschätzung- zuviel, wie Tom fand.
„Ganz ruhig! Es wird alles wieder gut! Bald kommt der liebe Onkel Doktor mit deiner Medizin, dann geht es dir wieder besser!“, meinte der Mann und redete mit Tom wie mit einem Kind. Aus Toms Zorn wurde wieder irrsinniger Hass.
„Ich muss mich doch von dir nicht wie ein kleines Kind behandeln lassen!“, rief er, fuhr nach vorne und verließ so, den Eingangsbereich zum Heim. Dadurch fiel natürlich die Tür hinter ihm zu. Er stürmte auf den Mann zu und schlug ihm mit enormer Wucht in die Magengegend. Der Mann krümmte sich und ging zu Boden.
„Sei dankbar, dass ich die Axt in meiner Welt zurückgelassen habe!“, raunte er ihm zu. Dann drehte er sich wieder zu der alten Frau um.
„Ich zeige ihnen, dass ich nicht so verrückt bin, wie man Sie glauben machen will!“
Er ging zurück zu der Tür- die tatsächlich die eines WCs war. Er öffnete Sie und- wie hätte es auch sein können- man konnte den Anblick des Waschraums genießen, an den sich die Toiletten anschlossen.
„Aber...wo ist denn der lange Gang und....“, begann die alte Frau aber Tom unterbrach sie sanft.
„Ganz ruhig. Das war eine andere Welt.“
„Und wie kommt man da wieder hin?“
Ich glaube, dass kann nur ich, wollte Tom gerade sagen, doch da zerschnitt eine gebieterische Stimme die Luft:
„Keine Bewegung!“, donnerte es ihm entgegen und Tom wurde von mehreren Händen gepackt. Das kam für ihn so überraschend, dass er kurzzeitig absolut durcheinander war.
Er und alle umstehenden hatten nicht bemerkt, dass ein Polizeiwagen 50 Meter von der Menschenmenge entfernt angehalten hatte und zwei Polizisten ausgestiegen waren. Diese hielten Tom jetzt fest und er hatte keine Chance, sich zu wehren. Er war immer noch dabei, sich einen Überblick über die Lage zu machen, da war er auch schon komplett in Polizeigewalt. Er wurde unsanft auf den Boden geworfen und ein Schuh drückte sein Gesicht auf den harten, kalten und dreckigen Asphalt. Ein weiterer Steifenwagen kam mit lauter Sirene an und Tom wurde hochgezogen und grob in dessen Richtung gestoßen.
„Was geschieht jetzt mit ihm?“, fragte einer der umstehenden.
„Erst mal wird er eingesperrt, bis die Untersuchungen hier abgeschlossen sind.“, entgegnete einer der Beamten. Der zweite Wagen hielt quietschend und man drückte Tom auf dessen Rücksitz. Sofort brauste das Fahrzeug wieder davon, Richtung Polizeidienststelle. Tom nahm dies alles nicht richtig wahr. Er saß auf dem Rücksitz und seine Augen blickten ins Nichts. Er dachte daran, dass er wohl bald wieder in eine andere Welt abtauchen würde und ihn all das nicht zu kümmern hatte. Nach dem, wie es bisher verlief, müsste er demnach dann wieder in dem Zimmer mit diesem Ludwig- seinem selbsternannten Lehrer sein.
Am Revier angekommen wurde er in eine kleine Zelle im Untergeschoss gesteckt und man ließ ihn allein. Nur ein Wärter stand an der Tür zum Erdgeschoss. Tom hatte kein Interesse daran, wieder auszubrechen. Er sah jetzt, dass es ihm nie gelingen würde, sein altes Leben zurückzubekommen- egal was er anstellte und in welcher Welt er es tat. Er legte sich auf die kleine Pritsche an der Wand und dachte nach.
Dieser komische Ludwig.......er sagte, ich würde in meine Psyche abtauchen und müsste mich dieser erwehren! Demnach wäre ich bereit für die Prüfung. Aber das alles ist so, wie ich es schon mal erlebte hatte- der gleiche Nebel, die gleichen muffigen Leute, das gleiche Irrenheim- ich bin in keine Psyche eingedrungen!
Tom wurde schläfrig. Das erfüllte ihn mit Freude. Seit Stunden schon wechselte er zwischen den Visionen, vermeintlicher Realität und den Zeiten. Er hatte seit dem nie geschlafen- außer wenn man ihm Mittel injizierte und selbst dann war es ihm, als viele die Welt in sich zusammen. Doch jetzt konnte er endlich einmal entspannen und ganz friedlich einschlafen.
Er konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob er träumte, oder schon wieder in eine andere Welt gewechselt hatte. Irgendwas war anders. Es war nicht, als würde er aufwachen, wie bisher, sondern einfach wie aus dem Nichts in dieser neuen Welt stehen. Also musste er jetzt tatsächlich im Polizeirevier der düsteren Welt liegen und gemütlich schlafen. Aber selbst, wenn dies kein Traum sondern eine neue Welt war- es war die schönste von allen bisher! Alles war sauber und der Himmel blau. Er stand auf einer Straße- nicht von Hektik gezeichnet, sondern von Gemütlichkeit, Ruhe und einer gewissen Sorglosigkeit. Die Menschen lachten und jeder grüßte den anderen im Vorbeigehen. Es war das exakte Gegenstück zu der dunklen Welt Ludwigs. Diese repräsentierte alles gute. Tom wollte sich aber über all das nun keine Gedanken machen. Er hatte auch nicht mehr das Bedürfnis, wegzulaufen oder krampfhaft nach Antworten zu suchen. Er merkte es in jedem Knochen, mit jedem Atemzug: Hier zählte das Leben jedes Einzelnen! Und hier war es auch egal, ob man reich und berühmt war- wahrscheinlich gab es so etwas wie Besitz und Status in dieser Welt gar nicht. Er konnte durch die Straßen laufen, ohne dass er muffig schauenden Menschen begegnete. Hier wollte er, wenn möglich bleiben. Real oder nicht, wenn es ein Traum war, so sollte er niemals enden. Entspannt und froh, endlich Ruhe und Frieden gefunden zu haben, setzte er sich auf eine Parkbank am Wegesrand und genoss den sauberen Geruch der Luft. Ein Wetter für verliebte.
Tom sah sich um und beobachtete das Geschehen um ihn.
Auf den anderen Bänken saßen alte Leute und Kinder, unterhielten sich freundlich und lachten. Jedoch konnte er keine Pärchen ausmachen. Das machte ihn dann doch stutzig. Er stand wieder auf und ging weiter. Irgendwo mussten sie doch sein, die eng umschlungenen, schmusenden Männlein und Weiblein. Aber auch, als er den ganzen Park durchlaufen hatte und die Grünanlagen an sehr hübsch angelegte Eigentumswohnungen angrenzte, hatte er das, was er meinte, hier überall zu finden, noch nicht erblickt: Die intensive Liebe zweier Menschen. Es war, als gäbe es sie hier nicht.
Tom fragte sich, wie die Menschen hier wohl ihre Liebe zueinander ausdrücken würden. Oder ob es hier so laufen würde, dass Sexualität nichts geheimes und verbotenes mehr war und jeder dazu stehen konnte.
Er wurde jäh aus seinen Überlegungen gerissen, als er plötzlich vor einem Café stand. Es war wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht und zog ihn magisch an. „Zur Erkenntnis“ stand auf dem goldenen Türschild. Noch ein Grund mehr für Tom sofort hineinzugehen. Er war sich sicher: Es hatte seinen Grund, dass dieses Café so abrupt vor ihm aufgetaucht war.
Drinnen war es schummrig, nur das Licht von den Fenstern erhellte etwas den Raum. Der hintere Teil des Cafés lag aber soweit von diesen entfernt, dass man die Leute, die dort auf hohen Höckern saßen, kaum erkennen konnte.
Er steuerte einen der freien Plätze an und setzte sich. Es herrschte Totenstille. Niemand sprach oder bewegte auch nur einen Muskel. Tom merkte deutlich, wie alle Blicken auf ihn gerichtet waren.
Erst die bellende Stimme einer alten Frau, der Bedienung, brach das Schweigen jäh.
„Was willste?“, schnauzte sie Tom von der Seite an.
„Äh...Kaffee. Schwarz.“
„Ham wir nich. Musst n dir selber machen.“
Das überraschte ihn jetzt aber kolossal. Hatte er geglaubt, in dieser Welt würde jeder freundlich behandelt, so stieß er hier drin auf den puren Pöbel. Aber rumpöbeln, das konnte er auch!
„Na gut, wie wärs mit Kuchen?“, fragte jetzt etwas trotzig. Er hatte zwar eigentlich gar keinen Appetit, aber er wollte dieser alten Hexe die Stirn bieten
„Was bistn du für einer? Kommst hier rein und willst Kaffe und Kuchen? Sehn wir so aus, als hätten wir so n Luxus?“
Die alte Frau spuckte verächtlich vor Toms Füße. Jetzt reichte es ihm.
„Hörn Sie mal zu, sie altes Fossil- ich habe heute einen echt beschissenen Tag, bin müde, schmutzig und hätte eigentlich schon mindestens dreimal verrecken müssen! Alles was ich will ist eine dreckige Tasse voll zähflüssigem starken Kaffee. Und wenn Sie so was nicht haben, warum zum Teufel nennen Sie dieses stinkende Loch dann ein Café?“
Noch ehe die alte etwas erwidern konnte, stand einer der Männer aus dem dunklen Eck des Raumes auf und kam auf ihn zu. Sein Gesicht konnte man aufgrund des wenigen Lichts nicht erkennen, aber seine Stimme kam Tom sehr vertraut vor, als der Kerl ihn anbellte:
„DU! Schon wieder Du! Lass die Leute hier und komm zurück in unsere Welt, sofort!“
Tom kniff die Augen zusammen, versuchte krampfhaft, den Mann zu identifizieren, der anscheinend ebenso wenig in diese Welt gehörte, wie er.
Als der ziemlich große und bedrohlich wirkende Mann direkt vor ihm stand, sah Tom endlich, wer sich da wie ein Wrestler vor ihm aufbaute und ihm stockte der Atem vor Schreck. Er kannte ihn! Aber es war unmöglich! Er war doch tot!
Tom war dankbar, dass er auf einem Stuhl saß, denn er fühlte, wie seine Beine so weich wurden, dass man sie hätte kneten können.
Vor ihm stand der tote Wärter!
„Was ist mit dir, Milchbubi? Erst mich abschlachten und dann nicht dafür grade stehen? Komm jetzt zurück und bleib, wo du hingehörst!“
Obwohl der Anblick des Kerls Tom wirklich bis ins Mark erschütterte, sträubte sich einfach alles dagegen, einer Leiche zu folgen- in eine Welt, in der er ein Leben als Irrer fristen musste. Sichtlich nervös und mit brechender Stimme entgegnete er:
„Nein! Ich.....komme nicht mit! Ich bleibe hier denn das.... ist die gute Welt! Und hier kannst du mir nichts mehr befehlen, weniger noch als in deiner kranken Welt!“
„Unwissender!“, schrei der Mann und schlug vor Tom so fest auf den Tisch, dass dieser laut krachend zerbarst und in zwei teile getrennt am Boden lag. So stark war der Kerl in seiner Welt nicht gewesen!
„Es gibt kein gut oder schlecht, wie oft noch? Es gibt nur Traum und Vision. Beides ist kaum voneinander zu trennen. Aber es gibt richtige und falsche Visionen- von Leuten wie dir oft als „Realität und Surrealität“ bezeichnet! Schwachsinn! Komm in unsere Welt zurück! Lass dich nicht von diesem Traum blenden. Was du siehst ist deine Psyche- dein eigener tiefster Wunsch!“
Jetzt bin ich also doch endlich da, wohin ich sollte, dachte Tom bei sich. Aber wie sollte er sich verhalten? Dies war also seine Psyche? Das sollte sein innerster Wunsch sein? Er wünschte sich bestimmt nicht dieses Café mit diesen Leuten! Aber er musste sich seiner Psyche entgegenstellen, durfte sich nicht verleiten lassen. Aber wenn diese Welt sein inneres darstellte und er nicht darauf hören sollte, was sollte er tun?
„Komm mit uns!“, rief der Wärter nochmals lautstark und in seinen Augen sah man nackten Hass aufblitzen.
„Ihr gehört auch zu dieser Welt! Ihr seit doch genauso Teil meiner Psyche! Ich falle nicht auf euch herein, ich werde hier bleiben!“
„Na schön. Dann bleib und sieh dir an, wie dein eigenes Selbst zerbricht an deinen falschen Visionen!“, meinte er nun herablassend und spuckte Tom mitten ins Gesicht. Enormer Zorn ballte sich in ihm, doch versuchte er, ihn zu unterdrücken. Er wusste, zu was sein krankes Hirn fähig war, wenn man ihn zu sehr reizte und wollte es nicht dazu kommen lassen- selbst wenn dies wirklich nur seine Psyche sein sollte.
Der Mann trat von ihm zurück und der ganze Raum schien sich nun plötzlich zu verschieben, waberte. Die Wände schienen ineinander zu fließen und die Gestalten im Café lösten sich förmlich auf, verwandelten sich in den verhassten grauen Nebel. Tom rannte so schnell er konnte aus dem Haus- er wollte nicht wieder von der grauen Welt mitgerissen werden.
Draußen hatte sich nichts verändert. Er lief wieder die Straße entlang und versuchte, nicht mehr an das gerade gesehene zu denken.
Doch nur wenige Minuten später holte ihn die andere Welt ein. Am Anfang merkte er ja noch gar nichts davon. Kein Nebel, keine Leute in dunklen Sachen, nichts. Aber auf einmal entdeckte er einige Meter vor ihm einen ziemlich heruntergekommenen Mann, der so gar nicht in das Bild dieser Welt passen wollte. Er trug zerlumpte dunkle Kleidung und von fern schon konnte man sein bleiches Gesicht sehen. Als Tom näher kam durchfuhr ihn ein Schauer bis aufs Mark: Es war nicht Ludwig, oder sonst jemand, dem er in den letzten Stunden begegnet war, den er jetzt ansehen musste. Nein, diese Gesichtszüge vor ihm waren ihm besser bekannt, als die irgend jemand anderem. Es war, als sähe er in einen Spiegel.
Er starrte in sein eigenes Gesicht, gekennzeichnet von Schmerz und Leid, wahrscheinlich über Jahre hinweg! Er sah sich selbst so, wie er wohl schließlich in seiner Welt enden würde: abgearbeitet und gebrochen von dem System. Der Anblick war zuviel für ihn. Oh, was war nur geschehen? Was war aus seinem Verstand geworden? Hatte er je einen? Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Aber jetzt begann sein eigenes Ich aus einer schrecklichen Zukunft auch noch zu reden.
„Ich weiß es noch....weiß was ich damals dachte. Sei froh, sage ich dir. Du weißt noch nicht einmal die Hälfte von dem, was ich über alle Zusammenhänge erfahren habe. Genieße diese letzte Stunde- du wirst ihr nachweinen.....“
Er machte eine Pause und hustete, atmete schwer. Dann räusperte er sich und sprach weiter.
„...du wirst nie wieder in Ruhe verweilen können, wirst ewig umherirren, niemals Erlösung finden und der Verdammnis angehören...bis in alle Ewigkeit und dem Ende der Zweit!“
Der alte Tom vor ihm keuchte jetzt schwer. Beim Anblick seines jüngeren Ichs umspielte ein ganz leichtes Lächeln seine Mundwinkel. Es sah aus, als hätte er seit Jahrzehnten nicht mehr gelächelt. Dann trat er einen Schritt zurück und zog seine schmutzige Jacke aus, warf sie vor Toms Füße.
„Hier! Dann wirst du bescheid wissen!“, rief er und hob die Hand zu einem Stillen Gruß. Dann ereignete sich etwas unvorstellbares:
Sein älteres Ich löste sich vor seinen Augen auf, nicht etwas in Luft, sondern in grauen Nebel. Völlig fasziniert und geschockt zugleich betrachtete er die am Boden liegende Jacke- das einzige was von seinem Ich aus der Zukunft übrig geblieben war. Er hob sie auf und sah se sich genauer an.
Nein! Nein! Das darf nicht sein! Oh Gott, hört dass denn nie auf? Noch mehr Rätsel, noch mehr Fragen! Ich will, dass das aufhört!
Tom hielt eine völlig verschmutze Jacke in der Hand. Es liefen ihm Tränen übers Gesicht und schließlich war ihm alles egal und er begann hemmungslos zu weinen, schluchzen und jammern. Vor wem sollte er sich denn auch noch genieren? Seine Tränen fielen auf den bei genauerem hinsehen roten Stoff des Jacketts. Dem roten Smoking Ludwigs.
Die Bäume dufteten frisch und man hörte Vogelgezwitscher. Die Atmosphäre war einfach zu entspannend.
Tom saß auf einer Bank und hatte die Augen geschlossen. Seit nun mehr über einem Tag saß er schon hier und dachte nach. Er wusste jetzt, wie es mit ihm enden würde. Es war ganz eindeutig, dass er später genau zu dem werden würde, wofür er vorgesehen war: Zu Ludwigs Nachfolger. Doch Ludwig musste das alles ja schon wissen. Wieso sah Tom in der Zukunft so heruntergekommen aus? Was war schießgelaufen? Wenn der Plan Ludwigs so oder so zum Scheitern verurteilt war, warum lies er es dann nicht einfach?
Aber all diese Fragen überforderten einfach seinen Geist. Er wollte seine Ruhe- und zwar für immer. Doch schon drängte sich wieder diese lästige Gewissheit auf, dass er ja nach eigenen Angaben nie wieder Ruhe finden würde.
Soweit ist es mit mir gekommen! Werde ich überhaupt je wieder ruhig schlafen können?, fragte er sich in diesem Moment. Selbst in dieser Idylle quälten ihn die unheimlichen Gestallten, konnte er nicht endlich seinen Frieden finden. Ein kühler Wind wehte ihm um die Nase. Ein sehr kühler Wind wie er fand. Er stand müde und mit knackenden Knochen auf. Schmerz fuhr ihm n die Glieder und er fühlte sich schon jetzt um Jahre gealtert.
Die Sonne war hinter einer Wolke verschwunden und der kleine Wald erschien dunkler. Tom ging einige Schritte weiter, mit den Gedanken woanders. Es war jetzt deutlich kälter und dunkler als vorher. Erst nachdem er zwei Minuten und 100 Meter später wirklich in einem tiefen Wald stand, der gar nicht hätte da sein dürfen, stellte er fest, dass kein einziger Vogel mehr sang. Aber Laub raschelte von einem sich nähenden Menschen oder Tier.
Tom ergriff Panik. Nicht schon wieder! Wenn er schon auf ewig leiden sollte, warum gönnte man ihm dann nicht wenigstens noch diesen letzten ruhigen Spaziergang? Er rannte. Er rannte immer tiefer in den Wald, wurde schneller und schneller. Jetzt gesellte sich auch noch ein heller Nebel hinzu und er konnte fast nichts mehr vor sich erkennen. Zwar war es nicht der widerliche graue Nebel, aber Tom hatte trotzdem keine Chance, die Orientierung zu behalten und bald schon glaubte er, ständig im Kreis zu laufen. Die Bäume tauchten kurz vor ihm auf und waren sofort wieder vom Nebel verschluckt. Das Rascheln hinter ihm wurde lauter. Sein Verfolger rannte ebenfalls- aber schneller als er! Tom wechselte willkürlich die Richtung in der Hoffnung, das könnte seinen Verfolger abschütteln, doch das Geräusch kam unbeirrt näher und näher. Schneller, immer schneller rannte er jetzt, gab sich dem Urinstinkt des Menschen hin, vor einer großen Gefahr davonzulaufen. Zwar sagte ein kleiner Teil in ihm auch jetzt, dass es sinnlos wäre, weil sein Schicksal bereits besiegelt wäre, doch der Körper, die Instinkte sträubten sich dagegen, wollten so lange wie möglich fern von den Bedrohungen und dem Wahnsinn, der folgen sollte, bleiben.
Dann, urplötzlich stand er vor ihm. Tom blieb das Herz stehen beim Anblick des Mannes der ihm mit düstrem toten Blick den Weg versperrte. Tom konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen, so schnell war er aus dem Nebel aufgetaucht. Er rannte voll in ihn hinein. Doch Ludwig blieb eisern stehen und Tom hatte das Gefühl, gegen eine Steinmauer gelaufen zu sein.
Weg, nur weg, dachte er. Doch das Erscheinungsbild Ludwigs war so furchteinflößend, Tom konnte keinen Muskel bewegen.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass der rote Anzug grau und verschmutzt war. Sein Hemd wies immer noch den Einstich der Messer auf- aber das blut auf ihm sah so eingetrocknet aus, als würde er es schon seit Jahren tragen, wenn nicht noch länger. Jetzt blickte Tom das erste Mal in sein Gesicht. Pures Entsetzen stieg in ihm hoch und ihm drehte sich der Magen. Hätte er was drin gehabt, er hätte den ganzen Waldboden um ihn vollgespieen. Das Gesicht Ludwigs war halb verwest! Ein Hautfetzen hing von seiner rechten Wange herab und dahinter verbarg sich ebenso abgestorbenes Fleisch.
Der Mann ist tot! durchfuhr es Tom eisig. Doch der erschreckend aussehende Kerl hob die Hand. Auch hier hing die Haut in Fetzen dran und der Knochen kam darunter zum Vorschein. Tom war wie erstarrt vor Angst, gelähmt, verkrampft. Ludwig fing an, mit keuchend krächzender Stimme zu sprechen:
„Das macht deine Welt aus dir! Eine graue Leiche. Sie wird verscharrt, das Grab recht hübsch bepflanzt und das war’s dann. Außer den engsten Angehörigen trauert niemand in deiner Welt um dich- weil dich niemand kennt!“
Tom war unfähig etwas zu erwidern. Eine Leiche redete da mit ihm über das Leben und den Tot! Das war zu bizarr. Mit viel Überwindung und Energieaufwand drehte er sich um, konnte und wollte den Anblick nicht länger ertragen. Doch kaum schaute er in die andere Richtung und glaubte, jetzt den Wald zu sehen, stand Ludwig bereits wieder vor ihm, schien jetzt sogar noch verfallender auszusehen! Das konnte doch...., überlegte er, aber dann gab er es auf und beschloss, es für alle Zeiten aufzugeben. Es war nicht real- es gab ja keinen Unterschied zwischen real und nichtreal- es war eben so.
„Abwenden, das tut ihr! Du bist wie sie!“
„NEIN!“, schrie Tom in panischer Angst und drehte sich nochmals machte die Augen zu und rannte. Er glaubte, jede Sekunde mit einem Baum zusammenzuprallen, doch er stieß nach wenigen Metern nur gegen einen menschlichen, starren Körper. Es half nichts, er musste sich dem hier stellen. Er öffnete die Augen.
Vor ihm stand, wie erwartet, Ludwig. Doch diesmal sah er so aus, wie bei ihrer zweiten Begegnung: blutdurchtränktes Hemd, das Blut noch keine zwei Tage alt und zerknitterte rote Jacke. Er redete wieder wie vorher- aber in seiner Stimme lag ein bedrohliches Echo.
„Welche Leiche gefällt dir besser? Tot ist tot Junge! Oder nicht?“
„Lassen Sie mich in Ruhe!“
„Das kann ich leider nicht! Du bist auserwählt! Dreh dich nicht immer weg!“
„Ich habe nie darum gebeten ausgewählt zu werden!“, schrie Tom verzweifelt. Er war am Ende seiner Selbst angelangt. Schlimmer konnte es doch eigentlich gar nicht mehr werden!
„Du behauptest ernsthaft, du willst einer dieser stupiden Menschen sein, willst so enden? Als unbekannter, wertloser Haufen Knochen- oder Asche?“
„So enden wir alle!“
„Weil ihr alle glaubt so enden zu müssen! Siehst du denn nicht, was dir die Welt bietet wenn du es nur willst? Ein Leben frei von Glaube an Realität oder Surrealität, Gott oder Teufel, Diesseits und Jenseits. Eine Welt, in der du selbst entscheidest, was real ist und was nicht. In der du nicht Geisel deiner Visionen bist sondern sie selber schaffst.“
„Was soll ich dafür tun? Ich will nur eine Vision: Ich will meine Ruhe und meinen Frieden finden!“
„Rette das System! Befrei die Menschen wie ich dich befreie!“
„Das würde unendlich lange dauern und hat sowieso keinen Wert- es wird nicht klappen!“
„Doch, das wird es. Dein älteres Ich weiß nur die Hälfte von allem.“
„Muss ich auch durch die Höllen, die er durchlebte?“
„Wir sind am wichtigsten Punkt, Junge! Deiner Prüfung! Vergeigst du es, hast du keine Chance und wirst so enden wie er. Schaffst du es, wird es ein leichtes sein, die Menschheit zu erretten!“
„Sie kennen die Zukunft, wissen, ob ich’s schaffe oder nicht!“
„Falsch. Die Zukunft, die Vergangenheit, Gegenwart- alles Schwachsinn. Einstein war der Lösung näher als man denkt. Zeit ist Relativ. Diese Prüfung kannst du nur einmal machen. Danach wirst du entweder mühsam deine Kräfte nutzen lernen, oder schnell und einfach.“
„Ich muss es ja schon mal gemacht haben, sonst würde mein verwahrlostes Ich ja gar nicht existieren.“
„Richtig, aber dein Ich hat einen Weg gefunden, mich zu vernichten, es dachte, dadurch würde alles besser werden, so wie früher. Hätte ich dir sagen können, dass das nicht klappt. Durch Hass und Mord erreicht man nichts- nicht wenn man in dem Irrglauben mordet, das Opfer würde dann für immer von der Welt verschwinden. Da ich meinen Geist jedoch so weit entwickelt habe, dass ich nicht nur deine stupide Form der Realität sehe, sondern das ganze Spektrum des Universums, kann man mich nicht einfach so töten. Natürlich bin ich gestorben- aber das war objektiv. In Wahrheit denkt dein altes Ich, dass ich tot wäre, weil er mich nicht mehr sehen kann. Das kann er nicht, weil er denkt, er hat mich getötet. Aber ich bin hier und wie du siehst mehr wie lebendig!“
„Kann ich was fragen?“
„Du willst zuviel wissen. Aber los, tu dir keinen Zwang an.“
„Bin ich tot? Das würde nämlich einiges erklären, was hier in letzter Zeit mit mir geschieht!“
„Ich sagte doch bereits, dass niemand wirklich lebt oder tot ist- nicht in meiner, in unserer Welt! Du bist so begriffsstutzig wie auch vor 200 Jahren!“
Tom verstand das alles nicht. Was redete dieser Ludwig nur schon wieder? Er versuchte sich auf das zu beschränken, was er bisher verstand: Er konnte seine Visionen endlich kontrollieren, wenn er das Denken seiner alten Welt ablegen würde. Und er wollte hier und jetzt die Probe aufs Exempel machen.
„Was ist mit ihren anderen Leuten? Denen, die Sie zu Beginn meiner „Ausbildung“ getötet haben? Und was war das für eine Ausbildung? War das alles von ihnen arrangiert?“
„Natürlich! Du bist zu jeder Zeit unter unserer Kotrolle gewesen- alles lief nach Plan- dir fehlt nur das grundlegende Verständnis für alles, weil du dich nach wie vor weigerst, das Offensichtliche zu sehen, zu erkennen, zu akzeptieren.
Meine anderen Gehilfen waren einfache Leute aus deiner Welt, die halbwegs den Sinn von all dem begreifen können. Ich betreue sie mit einfachen arbeiten, wie der Kontrolle meiner beiden Welten.
Aber du bist anders. Ich erkannte dein Potential aber du warst zu sehr in deiner Welt verwurzelt. Das Experiment mit dem Schlafmittel war für mich die einzige Möglichkeit, deinen Geist loszureißen aus deiner Dimension und ihn mit all dem anderen vertraut zu machen. Und glaube mir, ich habe dich bisher nur an der Oberfläche kratzen lassen!“
„Also doch! Diese Welt WAR die Realität!“
„NEIN!“, schrie Ludwig Tom an und schlug ihn mit einer einfachen Handbewegung so stark fort, dass er fünf Meter weit geschleudert wurde, bis ein Baum in der Flugbahn seinen Flug krachend und jäh beendete.
Tom schrie vor Schmerz doch Ludwig schien das nicht zu kümmern.
„Mein Junge, du musst wirklich noch viel lernen! Verstehst du denn immer noch nicht? Deine Welt war vor vielen Jahrtausenden einmal so, wie sie sein sollte- die Menschen verstanden, ihre Kräfte zu nutzen! Sie kannten Telepathie und die Heilung durch Handauflegen. Ihr Geist war frei von Hass und Sie kannten keine Angst vor dem Tod, weil Sie wussten, dass ihre Seele ewig leben würde. Doch heute ist es anders. Man denkt Materiell, eure Massenmedien suggerieren euch, dass ihr Luxusgüter bräuchtet, um ein gutes und schönes Leben zu führen. Man will euch glauben machen, dass Krankheit nur von Außen kommen kann und nur durch Chemie Behandlung findet. Ihr habt einfach alle spirituellen Kräfte in euch verloren und seht nicht einmal mehr die Welt um euch so, wie man sie früher sah!“
Tom war am Ende seiner Kräfte. Da lag er mit schmerzendem Rücken am Fuße des Baumes und vor ihm stand dieser Kerl und redete ihn mit spirituellen Sachen voll. Ihm war nicht klar, wofür ihn dieser Typ in seinem dämlichen Jackett eigentlich brauchte. Vor allem fing jetzt sein Geist an zu rasen, denn er suggerierte ihm immer wieder, dass Ludwig in einem Punkt absoluten Mist erzählt hätte. Dann fiel es ihm auf einmal schlagartig wieder ein und Ludwig schien sogar direkt überrascht zu sein, als Tom einfach losdonnerte:
„Sie sind ein verdammter Lügner! Ständig erzählen Sie mir etwas von wegen, „es gibt weder gut noch böse“. Aber Sie schaffen zwei Welten, in denen Sie alles gute und schlechte der Menschheit manifestieren. Was soll dieser Dreck? Und was spiele ich in ihrem lächerlichen Spiel für eine Rolle? Was sind meine Kräfte? Sagen Sie’s mir Sie alter Penner! Was soll der Scheiß mit dem roten Anzug?“
Nach kurzem verdutztem Zögern lächelte Ludwig wieder und entgegnete ruhig und gelassen wie immer:
„Ich wusste, dass die Frage kommen würde. Natürlich habe ich zwei Welten geschaffen, die Gut und Böse darstellen. Aber du vergisst, dass es die Eigenarten DEINER MITMENSCHEN sind, die entweder nach „gut“ oder „schlecht“ bewertet werden. Wenn ihr so denken würdet, wie es euch die Natur einst gelehrt hat, dann gäbe es auch nur eine Welt, in der ihr in ewigem Frieden und selbstloser Liebe zueinander leben würdet. Was mein Jackett angeht- gib es zu, es sticht heraus. Alle bei dir tragen sie diese dunklen Anzüge, selbst bei der festlichsten Veranstaltung. Tragt ihr immer Trauer? Wenn ja, warum wohl? Vielleicht weil euer Unterbewusstsein euch innerlich suggeriert, dass dieses eure Leben nicht jenes ist, was zu Leben ihr bestimmt wart? Ich trage die Farbe die bei euch als die Farbe der Liebe gilt, denn ich habe keinen Grund zum Trauern!“
Langsam aber sicher schien Tom allmählich zu verstehen, was dieser Ludwig meinte. Einiges leuchtete ihm sogar ein und erschien ihm richtig, es bekam alles einen gewissen Sinn.
„Ich glaube langsam wird mir einiges klar. Sagen Sie mal- was ist das eigentlich für eine Prüfung, von der Sie vorhin geredet haben? Und was passiert danach?“
Ludwig lächelte selbstzufrieden.
„Bravo Junge! Ich sehe in deinem Geist, dass du gerade sehr viel von dem, was ich dich gelehrt habe verinnerlicht hast! Nun, jetzt bist du bereits viel weiter, als dein altes Ich von vorhin. Du siehst, man hat seine Zukunft selbst in der Hand. Deine Prüfung wird nun sein, mir zu zeigen, ob du in der Lage bist, Menschen zu erretten, die es verdient haben. Löse dich von dem Denken, das der Tot eines Menschen sein Ende bedeutet. Aber töte auf keinen Fall die Menschen, von denen du nichts empfangen kannst.
„Wie? Was soll ich empfangen?“
„Ihre Aura. Jeder Mensch hat ein Energiefeld um sich und du bist in der Lage, es zu sehen- deswegen bist du ja so wichtig für mich! Du wirst sozusagen „sehen“ können, ob ein Mensch bereit dazu ist, sein Denken über die Welt abzulegen oder sich bereits zu sehr damit abgefunden hat. Solche darfst du nicht erretten, denn sie würden den Tod als ihr Ende auf der Welt betrachten und wie dein altes Ich einsam und in ewiger Verlassenheit verwahrlosen- ohne Chance, dass man Sie wieder errettet!“
Tom konnte es zwar fast nicht glauben- aber er verstand, was Ludwig ihm sagte! Und es leuchtete ihm ein! Er ertappte sich gerade dabei, wie er sich schon ausmalte, so viele Leute wie möglich ebenfalls die spirituellen Kräfte des Mensch zu lehren, damit die von ihm erretten Menschen wiederum andre von dem stupiden Denken seiner Welt befreien konnten.“
„Wie lange wird es dauern, alle das zu lehren, was Sie mir jetzt beigebracht haben?“
„Nicht lange. Es wird wie ein Lauffeuer um die Erde gehen und ehe man sich versieht, sind alle, die es wert sind, bei uns. Der Rest wird früher oder später erkennen, dass er in einer falschen Welt lebt. Sie werden innerlich immer weiter abstumpfen, bis Sie gegenüber uns in etwa die Intelligenz einer Staubmilbe haben.“
Tom merkte mit leichtem schaudern, dass er tatsächlich angefangen hatte, alles, was Ludwig sagte, zu glauben und zu verstehen. Aber da war noch eine einzige Sache, die sein Hirn marterte und zerfraß. Aber es wollte nicht klar werden, es fiel ihm nicht ein. Doch dann durchzuckte es ihn mit einem eisigen Schock: Es gab doch laut Ludwig keinen Tod! Also wohin gingen die Menschen in seiner Welt, wenn ihre physische Hülle stirbt, wohin geht ihre Seele?
„Sagen Sie, was geschieht mit den Menschen in meiner Welt, wenn sie denken, sie sterben? In welcher Vision müssen sie fortan ihr Dasein fristen?“
„Dank mir dürfen sie in der grauen Welt leben, bis in alle Ewigkeit“, antworte Ludwig ruhig.
Tom musste heftig schlucken. Damit hätte er nicht gerechnet!
„Dann waren all die Leute, die wir da in den grauen Straßen gesehen haben...“
„Seelen von gestorbenen, richtig! Du siehst, sie merken es gar nicht. Sie werden alt und grau und schließlich stirbt ihr Körper. Früher fiel ihre völlig fehlgeleitete Seele dann in ein ewiges schwarzes Loch ohne Wiederkehr. Aber ich habe ihnen eine etwas angenehmere Alternative gegeben.“
„Das nennen Sie angenehm? Wieso schicken Sie sie nicht in diese Welt- hier ist doch alles friedlich!“
„Hier kann ich sie nicht hinschicken! Hier können nur diejenigen hin, die an ein weiterleben der menschlichen Seele, also an eine Art „Himmel“ geglaubt haben. Diese Menschen sehen Dies hier dann als ihren Himmel an. Die anderen in der grauen Welt wissen nicht einmal, dass sie körperlose Seelen sind!“
„Was geschah mit all den Leuten, die an den Himmel geglaubt haben, bevor Sie diese zwei Welten geschaffen haben?“
„Das willst du nicht wissen, glaub mir! Und es ist auch nicht so wichtig, bald schon werden wir keine dieser Welten mehr brauchen. Dann können wir uns zurücklehnen und uns unser Werk betrachten und genießen, wofür wir so hart gearbeitet haben! Jetzt mach, erfüll deine Aufgabe!“
Urplötzlich veränderte sich der Wald rings um Ludwig und Tom: Der Nebel verzog sich und die Sonne schien wieder durch die Bäume.
„Geh einfach. Du musst nur an deine Aufgabe denken, der Rest kommt von allein und du wirst dorthin gehen, wo du sie ausführen sollst!“
Es war kaum zu glauben, aber sofort, nachdem Tom einige Schritte gegangen war, wurde der Wald lichter und es dauerte keine Minute, da stand er wieder auf der Straße voller fröhlicher Menschen.
Jetzt, inmitten dieser fröhlichen Menschen, die gar nicht wissen, dass Sie gestorben sind und ihre Seelen nicht wieder zurück können, erkannte er es: Das war es, was die ganze Zeit in jeder seiner Visionen das Verbindende war: Niemand zweifelte an der Einzigartigkeit, der Richtigkeit seiner Welt, leugnete die anderen- und wusste selbst nicht, ob er dies überhaupt konnte mit seinem beschränkten Geist!
Tom wollte nicht diese Realität als die Seine. Er wollte nicht, dass die Menschen so werden wie diese, wenn er sie bekehren würde- denn dieses Leben war rührselig und mindestens so sinnlos wie das in der vernebelten Welt.
Er sah die Welt nun anders- nicht mehr als lebendig oder tot. Er wusste schon, was er tun würde, wenn die Prüfung beginnen würde. Er wollte zuerst viele Schüler schaffen und sie einweisen. Danach würde er sich in die neu entstehende Welt zurückziehen und sein Werk beobachten, wie der ins rollen gebrachte Stein weitere anstößt. Er würde ausgiebig mit Ludwig diskutieren, seinem neuen Freund- seinem einzig wahren, der das Potential in ihm erkannt hatte. Er fragte sich gerade, wie lange sein Ausbilder wohl schon auf jemand wie ihn gewartet hatte, da geschah etwas seltsames: Er sah, wie sich aus der Menge vor ihm ein Mann löste und schnell auf ihn zurannte. Er machte wirklich einen sehr wütenden Eindruck. Und als er fast bei ihm war, erkannte Tom, wer es war und er erstarrte förmlich, konnte sich nicht mehr rühren: Der von ihm getötete Pfleger!
Er hielt direkt vor Tom und schaute ihn grimmig an. Dann fing er an zu reden, jedoch mit der Stimme Tomacks!
„Wach endlich auf verdammt! Du musst nur aufwachen wollen, dann wirst du es. Du musst es schaffen!“
„Lass mich in Ruhe! Ich werde mich nicht mit dir einlassen. Du hast es nicht verdient, du bist nicht dafür geschaffen.“
Tom war es jetzt egal. Ob dieser komische Mann, die überfreundlichen Leute in dieser Welt oder sonst wer: Sie alle waren dem Irrglauben des Lebens erlegen und mussten wie er auf den richtigen Weg gelenkt werden. Und vor allem wollte er endlich raus aus all diesen falschen Welten, in der Realität und Surrealität getrennt voneinander existierten.
Zu dem Mann gesellten sich die Leute aus dem Café. Sie redeten wieder mit anderen Stimmen, die ihm vertraut aber nicht sehr bekannt vorkamen. Sie kreisten ihn förmlich ein und ließen ihm keine Fluchtmöglichkeit.
„Was machen wir mit ihm? Was sagen wir dem Boss?“
„Er schafft es! Er ist doch schon fast wieder da!“, antwortete der Pfleger mit Tomacks Stimme.
„Das ist ja so was von in die Hose gegangen!“
Tom wusste nicht, was diese Leute meinte, doch es war ihm egal, er dachte nur an seine Aufgabe.
Plötzlich begann alles zu verschwimmen um ihn herum und ihm war, als breche schon wieder eine Welt um ihn zusammen. Doch seine Gedanken lenken sich auf die letzte Prüfung und nur daran konnte er noch denken. Bald würde er es geschafft haben!
Die Welt um ihn löste sich auf und er stand in Dunkelheit. Langsam fing alles an zu Schillern, drehte sich um ihn. Ein hohes Summen klang ihm in den Ohren und er hörte ganz deutlich Ludwig rufen:
„Zeig, was du gelernt hast! Sonst waren zwei Jahrhunderte Schwerstarbeit umsonst!“
Was Ludwig damit meinte, wusste Tom nicht, aber er konnte auch nicht länger darüber nachdenken. Ihm war nur eben so, als seien nicht einmal sechs Stunden vergangen. Er hatte völlig den Gleichgewichtssinn verloren und hatte das Gefühl, sich unglaublich schnell um sich selbst zu drehen.
„Mensch, wachen Sie doch endlich wieder auf! Scheiße das gibt so Ärger!“
Wer redete da? Die Stimme kam ihm wieder so seltsam bekannt vor. Tom fühlte sich, als hätte er seit Stunden verkrampft dagelegen.
Als er die Augen öffnete, merkte er, dass er hyperventilierte. Er zitterte, bibberte und starrte mit entsetzter, toter Miene auf den Mann, der über ihn gebeugt war.
Dr. Tomack hielt ihn fest und drückte ihm ein Atemgerät auf das Gesicht. Das Mittel beruhigte seine Nerven und die Krämpfe lösten sich.
„Keine Angst Herr Hiller, das ist normal beim Aufwachprozess“, redete der Arzt auf ihn ein. Doch er KONNTE nicht real sein! Was war nur los?
Er sah sich um: Kein Zweifel: Zweites Untergeschoss des Medoticakonzerns und er auf dem Bett, auf das man ihn für den Pillenversuch gelegt hatte.
Das WAR seine Welt- sogar in der richtigen Zeit! Und hier sollte er die Prüfung machen! Tomack stand indirekt für all das, was man von den heutigen stupiden Menschen erwartete: Er war nur auf Profit aus! Er war wie dieser Pfleger! Also absolut ungeeignet. Und die anderen um ihn herum? Sie wirkten von außen so hart und unnahbar, aber Tom schaute sie jetzt genauer an. Im ersten Moment glaubte er an eine Halluzination, doch das konnte nicht sein, dafür war es zu deutlich, was er wahrnahm: Er sah um jeden der Menschen eine Art hellen Schein. Bei alles bestand er aus sehr kalten Farben wie blau oder violett. Tomack hatte den dunkelsten, es grenzte fast schon an schwarz.
Tomack sah ihm jetzt fest und streng in die Augen und fuhr ihn an:
„Wissen Sie eigentlich, was wir wegen ihnen für Ärger bekommen? Seit Stunden liegen Sie hier im Koma, zittern und schreien wie ein Irrer!“
Tom merkte, wie Wut in ihm hochkam, doch er wusste, dass dies der Falsche Weg zum Ziel wäre. Also entgegnete er ruhig, aber doch mit einer gewissen Überraschung in der Stimme:
„Ich wache gerade aus einem Horrortrip wieder auf und Sie haben nichts besseres zu tun, als mich zusammenzustauchen und anzumaulen? Würde ich lassen, vertrauen Sie mir!“
„Was fällt ihnen eigentlich ein? Was glauben Sie, wird mein Chef sagen? Der Test MUSS als erfolgreich abgeschlossen werden, sonst bin ich meinen Job los und die Firma einen Millionencoup auf dem Schlafmittelsektor!“
„Es geht ihnen nur um Profit! Dass ist der Falsche Weg! Aber mit ihnen darüber zu diskutieren würde zu nichts führen, sie sind viel zu verbohrt!“
„Sein Sie still! Sie sind ungeeignet gewesen und deswegen gibt’s auch keine Kohle, ganz einfach! Sie hatten einfach nicht die psychische Belastbarkeit, die man für so einen Langzeitversuch braucht!“
„Es geht mir nicht um ihr Geld“, meinte Tom ruhig. „Ich wollte mich nur noch mal vergewissern, ob ich nicht gleich einen Fehler mache, denn ich wollte nur wissen, ob bei ihnen tatsächlich schon alles verloren ist.“
„Was meinen Sie damit? Sind Sie jetzt vollkommen irre? Sie machen gar nichts mehr hier! Packen Sie ihre Sachen und dann raus!“
Ohne Vorwarnung und schneller, als Tomack überhaupt hätte reagieren können, sprang Tom auf. Der Arzt hatte gar nicht genug Zeit darüber nachzudenken, was jetzt geschah, da war Tom auch schon an seinem Hals und drückte zu. Immer fester und fester. Die anderen um sie herum waren von der plötzlichen Attacke so überrascht, dass sie vorerst unfähig waren, zu reagieren.
„Merken Sie, wie Sie sterben? Was passiert gerade mit ihnen? Ist es nicht so? Jetzt ist von einer Sekunde auf die andere alles wertlos: Job, Geld, Karriere, alles! und das schärfste, selbst, wenn Sie ins Jenseits kommen, sind Sie gefangener ihres eigenen beschränkten Geistes, werden nicht mal wissen, dass sie gestorben sind! Ich werde Sie nicht erretten, oh nein! Verrotten Sie doch in ihrer Welt!“
Tom drückte noch fester zu und der Körper des Arztes erschlaffte unter seinem Griff. Er vergewissertes sich schnell, dass Doktor Tomack noch lebte, lies ihn aber auf dem Boden liegen.
Bravo Tom, ich bin stolz auf dich!, hörte er es in seinem Geist.
Doch er war noch nicht fertig. Neben dem Bett lag eine Schale mit den Pillen, die man ihm gab. Er wusste, dass Ludwig die Menschen so gut unter Kontrolle hatte, dass er es so eingefädelt hatte, dass Tom die Versuchsperson wurde, denn dieses Mittel war die beste Möglichkeit für ihn gewesen, sein Bewusstsein zu erweitern und Tom mit all den Eigenschaften des Universums vertraut zu machen, welche die Menschen so vergessen hatten und beharrlich leugneten.
Tom nahm sich eine Pille und ging damit langsam und völlig gelassen zum Fahrstuhl. Er wusste, was er zu tun hatte. Er wollte zum Empfang.
Aber jetzt endlich hatten sich einige der Ärzte wieder gefasst und versperrten Tom den Weg.
Doch Tom meinte völlig gelassen:
„Was wollen Sie meine Herren? Doktor Tomack braucht ihre Hilfe und sie wollen stattdessen mich? Stelle ich eine Gefahr für sie da? Ich möchte doch nur das Gebäude verlassen und sie werden mich nie wieder sehen!“
Engstirnig wie Menschen nun mal sind, wichen die Ärzte daraufhin natürlich nicht beiseite, sondern kamen sogar noch näher auf Tom zu.
„Ich muss sie warnen meine Herren! Wenn sie mich an der Erfüllung meiner Aufgabe hindern wollen, bin ich gezwungen, mich auch gegen sie zu wenden!“
Doch auch jetzt wollte keiner einsichtig sein.
Nein, es kam sogar noch dicker: Einige Männer packten ihn unsanft an den Seiten und hielten ihn in festem Griff. Da war für Tom das Maß voll und er konzentrierte sich. Er konzentrierte sich so fest er konnte darauf, dass er zum Aufzug kommen müsse- um jeden Preis. Und auch, wenn er selbst nicht wusste wie, schien er auf einmal von einer mehr als übernatürlichen Energie durchflutet zu sein und spürte enorme Kraft in sich.
Ohne dass er genau nachvollziehen konnte, was er eigentlich tat, entlud er diese Energie jetzt in massiven Schlägen gegen die in bedrängenden Ärzte. Er erkannte seine Umgebung gar nicht mehr richtig, er war wie ihm Wahn. Wild ums ich schlagend kämpfte er sich tatsächlich sehr bald bis zum Aufzug vor. Dies war das Ziel, auf das er sich konzentriert hatte und nun, da er angekommen war, verebbte die unglaubliche Energie in ihm wieder schlagartig.
Er sah sich um. Aber was er sah, konnte er nicht glauben, denn es war einfach zu unglaublich:
Dort lagen am Boden die völlig entstellten Körper der Ärzte, die ihn am entkommen hindern wollten. Ihre Gesichter waren entsetzlich deformiert, überall war Blut. Er musste diesen Männern die Schädelknochen förmlich zertrümmert haben! Ob ihre Seelen schon aus ihren Körpern gerissen waren, konnte er nicht sagen, denn es schien sich niemand irgendwie zu rühren. Totenstille war in dem Untergeschoss eingekehrt.
„Ludwig, sind diese Leute gestorben? Sind ihre Seelen in der grauen oder der anderen Welt?“, rief er lautstark in den großen Raum und es hallte gespenstisch von den Wänden wieder.
Ja, alle sind da, kam die Antwort in seinem Geist.
„Wie konnte ich so viel Energie freisetzten, warum hast du das Zugelassen? Ich wollte niemanden töten!“
Du hast die Energie aus dem Universum bezogen. Das Universum ist reich an Energie und du bist einer von vielleicht 10 Individuen, die seine Energie nutzen können! Lerne, die Kraft sorgsam zu dosieren, dann wirst du auch niemandes Seele mehr seines Körpers entreißen!
Mit einem unglaublich schlechten Gewissen holte Tom den Aufzug, sich immer noch nicht ganz klar, ob das, was Ludwig gesagt hatte, tatsächlich möglich sein konnte.
Im Erdgeschoss angekommen verlor er allerdings keine Zeit- jetzt musste es wieder schnell gehen. Wie ein Wilder rannte er auf den Empfang zu und die Empfangsdame sah ihn erschrocken an. Sie schien sein selbstsicheres Lächeln und seinen bestimmten Blick, der auf Sie fixiert war zu sehen und hantierte irgend etwas unter dem großen Tresen.
Tom schenkte dem keine Beachtung, packte Sie mit einer Hand und zog Sie mit einer unglaublichen Leichtigkeit hinter dem Tresen hervor, über diesen hinweg und ließ Sie hart auf dem Boden vor ihm aufschlagen. Er war selbst etwas überrascht, wie leicht dies doch ging, aber er konnte sich ja denken, warum.
Wie er Sie so vor sich liegen sah, erkannte er wieder dieses Energiefeld, dass von ihr ausging. Aber es zeigte ihm etwas, womit er nicht gerechnet hatte: Die dunklen Farben waren zwar vorhanden, aber sie schienen in ständigem Kampf mit sehr sehr hellen Farben zu stehen.
Das musste es sein! Die hellen Farben stellten die Bereitschaft ihres Geistes dar, sich von der bestehenden Welt zu lösen, die eigentlichen Gesetzte der Natur zu akzeptieren. Die dunklen Farben waren die natürliche Abstumpfung und Erkaltung der natürlichen Kräfte ihres Geistes aufgrund dieser tristen Welt.
Sie würde er als erstes erretten! Und was wäre einfacher dazu, als dafür ihr Bewusstsein mit der Pille zu erweitern?
„Ludwig, ich schicke dir jemanden! Zeige ihr dass, was du mir gezeigt hast!“, schrie er durch die große Empfangshalle.
Nur zu, ich bin bereit, kam die Antwort.
Mit einem friedlichen und beruhigendem Lächeln beugte er sich über die geschockte Frau, die unfähig war, sich zu rühren und ihn entsetzt anstarrte.
Er nahm ihren Unterkiefer und drückte ihn so zusammen, dass sich ihr Mund öffnete. Schnell grabschte er nach der Pille in seiner Tasche und steckte Sie ihr in den Mund. Dann presste er kräftig von unten gegen ihr Kinn, so dass sich ihr Mund wieder schloss.
Aber jetzt leistete Sie erhebliche Gegenwehr, sträubte sich, das Ding zu schlucken.
„Jetzt mach dir es doch nicht unnötig schwer, du wirst bald in einer besseren Welt sein- und damit mein ich nicht den Himmel!“, bellte er Sie an.
Aber Sie ließ nicht locker, schlug nun sogar mit Armen und Beinen um sich.
Tom konnte sich ja jetzt schlecht wehren, denn dann hätte er von ihrem Mund ablassen müssen und dies hätte zur Folge, dass Sie die Pille sofort wieder ausspucken würde! Er war in einer Zwickmühle! Also versuchte er, mit massieren des Unterkiefers bei ihr einen Schluckreiz auszulösen, so dass wenigstens die Pille endlich einmal geschluckt wäre.
Aber auf einmal hörte er hinter sich Schritte, die sich schnell vom Eingang aus näherten.
„Keine Bewegung! Lassen Sie die Dame los und treten Sie zurück! Falls Sie Waffen bei sich tragen sollten, werfen Sie sie zu uns rüber!“
Scheiße, dachte er. Jeder Idiot wusste, welche Leute so redeten und genau diese Sorte unterbelichteter Sklaven des Systems konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Wenn das kleine Biest doch endlich die verdammte Pille schlucken würde! Wieder suchte er nach der Kraft in ihm, konzentrierte sich mit all seinen Gedanken darauf, die Frau dazu zu kriegen, das Ding zu schlucken und spürte auch sofort wieder die Energie durch seinen Körper strömen. Mit aller ihm jetzt gegeben Kraft drückte er ihr den Mund zu und hatte schließlich doch endlich Erfolg: Sie musste Schlucken und die Pille, das einzig vernünftige Hilfsmittel für die wahre Welt, was die dumme menschliche Rasse hervorgebracht hatte, nahm ihren Weg in den Magen der Dame.
Seine Freude wurde allerdings durch etwas anderes getrübt- die Frau hatte sich aufgrund seiner Erleichterung und des daraus resultierenden losen Griffs losgerissen und war dabei, sich den Finger in den Mund zu stecken!
Nein! Das durfte nicht sein! Er packte Sie und warf Sie zu Boden. Aber auf einmal fehlte ihm dazu die Kraft.
Natürlich, ich habe die Kraft nur dazu gebraucht, damit ich Sie dazu bring, die Pille runterzuschlucken. Jetzt hab ich keine Kraft mehr außer meiner eigenen Muskelkraft!
Leider war seine normale Kraft äußerst gering, da er nicht gerade ein Athlet war und so hatte er auch große Mühe, die Frau in Schach zu halten. Dabei fiel ihm ein, dass er die beiden Polizisten ganz vergessen hatte. Sie hatten sich ihm vorsichtig genähert und zielten mit ihren Waffen auf ihn. Als er das jetzt sah, musste er einfach lachen. Er lachte schallendlaut und aus vollem Herzen über diese bemitleidende Geste. Er nahm die Frau auf den Arm und rannte mit ihr Richtung Fahrstuhl. Sie musste betäubt werden, damit Sie sich nicht gegen das Medikament wehren konnte! Unten im Versuchslabor würde es bestimmt irgendwo Chloroform oder so etwas geben.
„Bleiben Sie stehen oder wir schießen!“, schrie einer der beiden Streifenpolizisten, die alarmiert worden waren, nachdem die Empfangsdame den Alarmknopf unter dem Tresen gedrückt hatte.
Unter Gelächter erwiderte Tom:
„Ihr versteht es einfach nicht! Es gibt keinen Tod! Und es gibt kein Leben! Ich errette diese Frau! Euch wird dieses Glück nie zuteil werden!“
Er hatte den Aufzug fast erreicht, da zerschnitt ein Schuss die Luft und eine Kugel aus Stahl bohrte sich tief in Toms Leib. Spürte er jetzt Schmerz? Er wusste es nicht, aber er wusste, dass hier etwas nichts ganz stimmen konnte.
Vor ihm bildete sich eine Blutlache und er sah, dass er zusammengebrochen war! Das konnte doch nicht sein, nicht jetzt!
Die Frau war ihm aus dem Arm gefallen, lag vor ihm auf dem Boden. Sie blutete stark am Kopf und atmete schwer.
Nein, nicht Sie atmete schwer, ER war es!
Aber wie konnte das alles sein? Er drehte mühsam den Kopf und sah die Polizisten hinter sich stehen. Einer fuchtelte noch an seiner Knarre rum, der andere versuchte etwas nervös, sein Funkgerät in Gang zu kriegen. So eine Situation war für die Beiden bestimmt nicht alltäglich, vielleicht die erste richtig brenzlige in ihrer Berufslaufbahn.
Schließlich hatte es der kleinere und wohl auch jüngere von ihnen endlich geschafft, die Polizeizentrale zu erreichen und sprach in sein Gerät:
„Hier Wagen 24. Alarm bestätigt. Mutmaßlich geistig verwirrter Angreifer hat Frau eine unbekannte Substanz, eventuell Gift verabreicht, wollte dann flüchten. Wir mussten ihn niederschießen, er blutet schwer. Fordere 2 Krankenwagen an.“
„Verstanden- ist die Identität des Mannes bekannt?“, quäkte das Gerät daraufhin.
„Nein, er scheint nicht zu dieser Firma zu gehören.“
Danach verstand er nichts mehr, dass Gefühl, aus der Welt gerissen zu werden, nahm überhand. Er wusste allerdings, dass er jetzt ganz fest daran denken musste, zu Ludwig zu kommen und nicht in eine seiner beiden Welten- weil dann wäre er für immer verloren.
Als er die Augen machte, wollte er fast laut aufjubeln. Er war in dem kleinen Gelben Zimmer und Ludwig saß nachdenklich auf dem Stuhl neben seinem Bett, das rote Jackett trug er allerdings diesmal nicht und sein Hemd war wieder schneeweiß. Mit ernster Miene und einem düstren Unterton sprach er zu Tom:
„Gut gemacht, Prüfung bestanden. Aber du wirst leider warten müssen, bis wir gemeinsam weitere Leute erretten.“
„Was? warum? Ist die Frau jetzt nicht eine von uns?“
„Das ist alles sehr kompliziert und im Moment würde es dich überfordern. Es ist nur so, dass du im Irrenhaus sitzt! Seit 10 Jahren!“
Tom verstand nichts. Warum sollte er im Irrenhaus sitzen? Jetzt war er doch von allem frei, konnte selbst entscheiden, wo er lebte.
„Was redest du da? Ich versteh es, erkläre es mir bitte!“
„Du willst die ganze entsetzliche Wahrheit?“
„JA!“
„Also schön- die Frau hatte ich hier, das stimmt. Aber was ich und meine Leute auch anstellten, Sie wollte nicht höre. Sie war zwar bereit, ihre alte Welt zu vergessen, aber Sie versuchte sofort, sich in der kalten grauen Welt ein neues Zuhause zu schaffen! Alle Erklärungen, dass diese Welt nicht real sei, brachten nichts! Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als Sie zurückzuschicken, da Sie ja in der grauen Welt nicht auf Dauer Leben könnte. Und weil du dich hast anschießen lassen, ist kostbare Zeit verstrichen. Das Medikament wurde vernichtet- die Pillen gibt’s nicht mehr!“
„Schön und gut, Pech gehabt, dann versuchen wir was andres!“
„Du verstehst nicht! DU bist hier nur mit deinem Geist vorhanden! Dein Körper ist handlungsunfähig! Man hat dich so mit weiteren Medikamenten vollgestopft, dass dein Geist entgültig abgeglitten ist! Ich dachte, wir könnten das unausweichliche vielleicht verändern, diesen Zustand verhindern, wenn du nur fest genug deinen Willen auf das Leben richten würdest! Aber ich muss wohl wieder einmal falsch erklärt haben, denn du hast deinen Gedanken darauf gerichtet, zu MIR zu kommen!“
„Was soll daran falsch sein? Und was hat das damit zu tun, dass ich seit 10 Jahren im Irrenhaus sitzen soll?“
„Was wohl? Dein Geist ist in andre Dimensionen abgeglitten und das wird in deiner Welt als Verrückt angesehen. Du wandelst zwischen den Zeiten, aber immer im Zeitraum dieser 10 Jahre!“
Tom war schockiert. Was hatte man mit ihm gemacht? Hatte man ihm tatsächlich noch nach all dem Geschehenen weitere Medikamente gegeben, die seinen labilen Geist in eine andre Dimension katapultiert hatten? War er deswegen in letzter Zeit so massiv zwischen den Jahren gewechselt?
„Wie....wie kann ich machen, dass das aufhört?“
„Gar nicht!“
„Nein! Das kann nicht sein! Ich denke einfach ganz fest daran, dass ich meinen Geist wieder richtig ordnen kann und...“
„DU KAPIERST NICHT!“, schrie Ludwig und schmiss seinen Stuhl ins Eck. So wütend hatte Tom ihn noch nie erlebt.
„Dein Geist ist über einen Zeitraum von 10 Jahren verstreut! Ihn wiederzufinden würde nicht nur 10 Jahre dauern! Du müsstest ja Schritt für Schritt von Anfang deiner Einweisung bis zum Schluss die Puzzelteile ordnen. Und logischerweise kannst du etwas nicht zweimal erleben! Also würde dein Geist wieder rückversetzt werden und alles wieder von vorn beginnen. Glaubst du, wir hätten das nicht schon längst versuchst? Jedes Mal kommst du mir damit! Es würde wohl 100 Jahre nach deiner Methode brauchen! Gib es auf!“
„Und was oll ich jetzt tun, bitte? Was wird aus unsrem Plan?“
„Irgendwann wird dein Körper sterben- dann kannst du nur beten, dass du dann auf dem gleichen Infostand wie jetzt bist. Bis dahin muss ich nach andren Leuten wie dich suchen.“
„Darf ich was fragen?“
„Wenn du es nicht lassen kannst.“
„Wie bist du hierher gekommen?“
„Ich wurde selbst geholt und dann gelehrt. Aber ich habe es nicht geschafft und nur meine Seele blieb schließlich hier übrig, zwischen den Welten.
„Wer hat dich geholt?“
„Das willst du nicht wissen!“
Tom langte es jetzt, er hatte genug.
„Doch, ich WILL es wissen, verdammt, also sag es mir!“
„Du würdest es nicht kapieren, wenn ich’s sagen würde!“
„Wieso, wie schlimm soll sein? Ich kann es ja nicht gewesen sein!“
„............“
Tom schaute entsetzt, sein Herz raste,
„Du.......“
„Ich habe es immer gesagt- in dir steckt ein größeres Potential als in mir- aber du hast nur eine Chance! Entweder du ergibst dich den Mächten und akzeptierst deinen Wahnsinn, oder du bringst die Kraft auf, all die Leiden zu ertragen und wirst schließlich hier stehen, mit den roten Jackett und versuchen, dich und die Menschheit zu retten.“
Plötzlich verschwamm Ludwigs Gestallt und seine ganze Form änderte sich. Ehe Tom wusste, wie ihm Geschah, blickte er in sein eigenes Gesicht!
„Manche nennen es Reinkarnation, Wiedergeburt oder ähnlich. Aber bei uns läuft das nicht! Wenn du es jetzt vergeigst, werde ich nie existieren!“
„Und...wenn ich es schaffe?“
„Dann existiere ich, aber du wirst als dann der alte Greis sein, den du vor einiger Zeit gesehen hast!“
„Ludwig....“
Doch Ludwig, oder Tom, oder wer auch immer er war, reagierte nicht mehr und mit ohrenbetäubendem Lärm fiel das gesamte Zimmer in sich zusammen und begrub beide unter sich. Und wie Tom nun wieder das Gefühl bekam, sich unglaublich schnell um sich zu drehen und in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen, verlor sich sein ganzes Weltbild, sein ganzer Glaube an einfach alles in diesem Nichts. Und während er immer tiefer fiel und sich kein Ende des Falls abzeichnete, stammelte er immer wieder: „Wer bin ich? Wo bin ich? Was ist das für eine Welt? Was ist jetzt die Realität? Was soll ich tun, damit das aufhört? Was soll ich tun? WAS SOLL ICH TUN?“