Trotz alledem war etwas besonderes am Tod von Jefferson Pritch.
Wie in allen anderen Fällen dauerte seine Verhandlung keine zehn Minuten. Auf einen Verteidiger wurde schon lange in solchen Fällen verzichtet, um keine unnötige Zeit zu verlieren. Angeklagt wurde Pritch des Diebstahls. Er soll zwei Hühner vom Hof der Familie Mason gestohlen haben und Dave Mason beschwor bei Gott, Pritch beim Weglaufen mit den Hühnern unterm Arm, gesehen zu haben. Mit Hilfe der Nachbarn wurde Pritch schnell in seiner ärmlichen Behausung aufgestöbert, zum Schnellrichter gebracht und bereits eine knappe halbe Stunde später hatte man ihn schon zum Tode verurteilt. Die Tatsache, dass Pritch keines der Hühner bei sich hatte und dass zumindest drei seiner Saufkumpane bestätigt hätten, dass Pritch - so besoffen, wie er war - keinen Schritt hätte gehen, geschweige denn laufen können, interessierte niemanden. Also schleppte man Pritch, der bestimmt viel in seinem Leben angestellt hatte und auch ohne Skrupel Hühner geklaut hätte, zum alten Wurzelbaum. Der Wurzelbaum war ein riesiger Ahornbaum, dessen Wurzeln sich aus dem Boden herausgearbeitet hatten und den Kindern als Klettergerüst diente - wenn nicht gerade eine Hinrichtung stattfand.
Sehr oft hatten die Kinder Lakoomas keine Gelegenheit, auf dem Baum herumzuklettern.
Pritch merkte zu seinem Glück nicht all zuviel von dem, was nun geschah. So betrunken er war, ließ er sich widerstandslos zum Wurzelbaum schleppen, ließ sich den dicken Strick um den Hals binden, und registrierte nicht einmal, dass Richter John Skelton das Signal gab, ihn am Strick nach oben zu ziehen, bis alles Leben aus ihm wich. So starb Pritch, ohne es zu merken. Nur war er eben in diesem Falle unschuldig. Wie ich schon sagte, wäre auch der Umstand seiner Unschuld nichts Ungewöhnliches in diesen Tagen, aber dieser Jefferson Pritch war eben anders, als die anderen unschuldig Gehängten...
Zwei Tage später, am 16.July 1776, weckte ein lautes und ohrenbetäubendes Geräusch die Einwohner Lakoomas. Es war 3.00 Uhr in der Frühe und der kleine Ort schien bei dem Donnern und Beben, dem rhythmischen Schlagen und dem unterirdischen Grollen, fast verschlungen zu werden. Keine 5 Minuten später waren alle Einwohner Lakoomas auf den Beinen. Alle rannten auf die Straßen und versuchten, den Ursprung dieses Ereignisses zu finden. Ohne Unterbrechung setzte sich das Rumpeln und Donnern fort, nur konnte jetzt jeder sehen, was dieses Phänomen verursachte. Der alte Wurzelbaum schien in Sekundenschnelle aus dem Boden zu wachsen, riss dabei die Erde auf und verschluckte gleichzeitig mit seinen weitverzweigten Wurzeln alles, was ihm im Wege stand.
Wie in den dunkelsten Alpträumen sorgengequälter Menschen sahen nun alle, wie, einer riesigen Hand gleich, andere Bäume, Büsche, Zäune und ganze Häuser von den gewaltigen Wurzeln zermalmt und in die Tiefe gerissen wurden. Panik und Angst ließ die Einwohner wild durcheinander laufen. Kinder schrieen, alte Menschen standen starr vor ihren Häusern und beteten um Vergebung ihrer Sünden. Die Jüngeren versuchten im Gewühl des Chaos einen Fluchtweg zu finden - mussten aber schnell erkennen, dass die Baumwurzeln alles um sie herum bereits wie einen Zaun umringt hatten. Der ganze Ort bebte und brach an immer mehr Stellen auf. Der Boden glich mittlerweile einem gewaltigen Krater...
...und der Lärm der aufreißenden Erde übertönte die Angstschreie einer Stadt, in der das Leben erst einen Wert bekam, als es verloren ging.
Der Wurzelbaum hörte nicht auf, zu wachsen.
Als würde er ein Ziel verfolgen, von dem ihn nichts abbringen konnte, verschlang er alles Leben in Lakooma. Beinahe die Hälfte der Bewohner war bereits in die Tiefe gerissen und von Bergen dampfender Erde verschüttet worden. Unbarmherzig holte sich der Baum die Jungen und Alten, die Mutigen und Feigen. Alles verschlang er gierig, als gelte es, einen unsäglichen Hunger zu stillen, der sich seit Hunderten von Jahren aufgestaut hatte.
Samuel Berkovitch, der Bürgermeister und gleichzeitig einzige Arzt im Ort war einer der letzten, der von der Urgewalt verschluckt wurde. Auch sein Angstschrei verhallte ungehört im ohrenbetäubenden Brodeln uralter Kräfte.
Eine Stunde nachdem die Hölle ihre Pforten geöffnet hatte, gab es Lakooma nicht mehr. Auf seine zwanzigfache Höhe angewachsen, schien es, als ob der schrumplige Wurzelbaum noch einmal prüfend um sich schaute, ob auch wirklich niemand vergessen wurde.
Gewaltig erhob sich der Baum in einer nun riesigen und leeren Einöde. Nichts erinnerte an einen Ort, der einmal Lakooma hieß. Siebenhunderteinundzwanzig Menschen waren verschluckt und von Erde bedeckt worden. Ein monströses Gebilde von meterhohen Wurzeln ähnelte nun einer bizarren Landschaft, wie sie der Teufel nicht besser hätte erschaffen können. Lakooma, das so selbstverständlich mit dem Tod hantiert hatte, war jetzt ein ewiger Teil von ihm geworden.
So schnell, wie der Moloch aus den Tiefen der Hölle gestiegen war, zog er sich zurück. Zentimeter für Zentimeter versank der Wurzelbaum mit seinen verzweigten Armen aus knorrigem Holz wieder im Boden. Die Erde glättete sich. Dort, wo der Baum gewütet hatte, sah man nur eine ebene Fläche ohne jede Vergangenheit. Kein Busch, kein Strauch, kein Zaun und nichts von Menschen Geschaffenes blieb zurück. Kein Pferd, keine Kuh und kein Hund war verschont worden.
Nur ein seltsam aussehender Ahornbaum stand wieder an der gleichen Stelle und wartete...
Deathville war ein kleiner Ort wie hunderttausend andere Orte im Land. Man lebte in Deathville sein Leben und scherte sich nicht sonderlich um Recht und Gerechtigkeit. Gewalt, Habsucht und Oberflächlichkeit regierten den Ort. Man hörte weg, wenn Unschuldige schrieen. Man hörte weg, als der alte Säufer, den niemand mochte, wegen Diebstahls vor Gericht kam. Um solche Kerle machte man in Deathville kein großes Aufheben. Für Säufer, die Schnaps aus Masters Laden klauten, wartete ganz schnell der Strick am Wurzelbaum.
Wen kümmerte es schon, dass Jefferson Pritch unschuldig war...